München – Dr. Anne Külz ist Psychologische Psychotherapeutin. Sie hat ein Buch zum Thema Pathologisches Horten geschrieben und therapiert in ihrer Praxis Menschen, die an der Erkrankung leiden.
Was ist das Messie-Syndrom, was Pathologisches Horten?
Das Messie-Syndrom bedeutet zunächst allgemein, dass jemand Schwierigkeiten mit der Alltagsorganisation hat, unordentlich und überfordert ist. Das kann verschiedene Ursachen haben und zeigt sich auch in der Anhäufung von Gegenständen. Pathologisches Horten ist eine psychische Erkrankung, die zu den Zwangsspektrums-Störungen zählt. Betroffene spüren ein starkes Unbehagen beim Wegwerfen von Gegenständen, was zu einer Überfüllung von Wohnbereichen führt. Oft messen Betroffene ihren Besitztümern einen übertriebenen emotionalen Wert bei. Ein wichtiges Diagnose-Kriterium ist die Beeinträchtigung im Alltag – zum Beispiel, dass Wohnbereiche nicht mehr nutzbar sind. Das Pathologische Horten ist oft verknüpft mit anderen Erkrankungen. Viele Betroffene haben gleichzeitig eine Kaufsucht, knapp 30 Prozent ADHS und die Hälfte eine Depression.
Was fühlen Betroffene?
Sie haben oft Angst, sich von Dingen zu trennen, weil sie fürchten, damit einen Teil ihrer Identität zu verlieren. Eine Patientin hat aus ihrem ganzen Leben altes Geschirr aufgehoben. Sie hatte Angst, sonst ihre Erinnerungen an frühere Zeiten auszulöschen. Oft sind geliebte Menschen und Erlebnisse eng verknüpft mit den Gegenständen, die Betroffene aufheben. Manche horten auch Dinge aus Angst, die Gegenstände zu einem späteren Zeitpunkt zu vermissen. Das Horten kann auch eine Schutzfunktion haben, oder die Gegenstände sind ein Ersatz für fehlende soziale Bindung.
Wo ist die Grenze zwischen unordentlich sein und horten?
Gegenstände sammeln und viel besitzen ist nicht gleich Pathologisches Horten. Das liegt vor, wenn das Sammeln dem eigenen Wohlergehen oder dem anderer Menschen schadet. Wenn Leidensdruck besteht – etwa, weil jemand die Küche nicht mehr benutzen oder keinen Besuch mehr empfangen kann.
Was können Angehörige tun?
Ich würde als Erstes fragen, wie die betroffene Person ihre Situation empfindet – ob sie Leidensdruck verspürt. Dann würde ich anbieten zu helfen, zum Beispiel bei einer gemeinsamen Aufräumaktion. Dabei ist wichtig, den Betroffenen im Wegwerfprozess ein höchstmögliches Maß an Kontrolle zu geben und ihnen nichts wegzunehmen. Man sollte Betroffene fragen, was sie als Erstes verändern wollen. Und: Kleine Schritte gehen. Oft hilft es Betroffenen, ein System der Ordnung zu schaffen. Das heißt: Regeln aufstellen, wie Unterlagen strukturiert werden und was wie lange aufgehoben wird.
Wer sind Ihre Patienten?
Meist Menschen in der zweiten Lebenshälfte. Im Laufe des Lebens sammeln sich mehr Gegenstände an und die emotionale Bindung wird mit der Zeit oft stärker. Häufig sind es Alleinstehende – Einsamkeit und fehlende soziale Kontakte sind große Vulnerabilitäts-Faktoren. Männer und Frauen sind ähnlich häufig betroffen. Pathologisches Horten betrifft fast jeden zwanzigsten Erwachsenen im Leben.