Die KI-Fabrik am Englischen Garten

von Redaktion

Es ist angestöpselt: Telekom-Vorstand Ferri Abolhassan (von li. nach re.), Münchens OB Dieter Reiter, Ministerpräsident Markus Söder, Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil sowie Telekom-Vorstandschef Tim Höttges. © Hoppe/dpa

Eine der größten KI-Fabriken Europas: Projektleiter Andreas Falkner steht zwischen Serverschränken des Rechenzentrums in München. © Sven Hoppe/dpa

München – Von außen eher unscheinbar, doch der Schein trügt: Im Tucherpark am Englischen Garten in München eröffnete gestern eine gigantische KI-Fabrik. Als eine der größten KI-Fabriken Europas soll sie die digitale Souveränität stärken. Das Cloud-Rechenzentrum erstreckt sich über sechs unterirdische Stockwerke auf 5000 Quadratmetern. Es ist ein Gemeinschaftsprojekt des Bonner Konzerns Telekom und des US-Chipkonzerns Nvidia. Die Investitionen liegen laut der Telekom bei einer Milliarde Euro. Gemeinsam mit Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD), Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) eröffnete Telekom-Chef Tim Höttges das neue KI-Rechenzentrum – und leitete damit eine neue Ära ein. Denn die sogenannte „Industrial AI Cloud“, eine industrielle KI-Cloud, soll unter anderem für digitale Souveränität sorgen.

„We are open“, sagte Höttges gestern am Münchner Telekom-Sitz. Mit der KI-Fabrik wolle das Unternehmen es schaffen, dass der industrielle Kern Deutschlands erfolgreich bleibt und auch im Land gehalten wird. „KI ist keine Chance, sondern der Rettungsanker für die deutsche Industrie.“ Daten-, Betriebs- und Prozesssouveränität gebe es nun. Lediglich die Chips kämen nicht aus Deutschland. Sie kommen vom Chip-Entwickler Nvidia.

Das Unternehmen von Chef Jensen Huang ist ein Branchenriese und der weltweit bedeutendste Entwickler von Grafikprozessoren und Chipsätzen. Insgesamt wurden 10 000 Grafikprozessoren für die KI-Fabrik angeschafft. Auch der Softwarekonzern SAP ist Partner und steuert Softwarelösungen bei. Zu den Kunden der KI-Fabrik zählen unter anderem Agile Robots aus München, Quantum Systems aus Gilching und Siemens. 30 Prozent seien bereits ausgelastet, nun heiße es „verkaufen, verkaufen, verkaufen, um die letzten 70 Prozent zu füllen“, sagte Ferri Abolhassan, Mitglied des Telekom-Vorstands.

Es dauerte nur sechs Monate, das Rechenzentrum fertigzustellen. Dass es so schnell ging, liegt vor allem daran, dass es in ein bereits vorhandenes, jedoch komplett renoviertes altes Rechenzentrum eingezogen ist. Früher wurde es von der HypoVereinsbank betrieben. Das Gebäude gehört zum Büroquartier Tucherpark, das in den 60er-Jahren direkt am Rande des Englischen Gartens errichtet wurde. „Das war ein absoluter Glücksfall“, sagte Höttges. Auch dass direkt daneben der Eisbach fließt, passt gut. Denn Rechenzentren verbrauchen enorm viel Energie und KI-Chips werden extrem heiß. Abhilfe soll daher das kalte Wasser schaffen (siehe Text rechts). Höttges betonte, dass das Projekt ohne die Unterstützung der Stadt München und des Landes Bayern nicht möglich gewesen wäre.

„Hier in München ist etwas sehr Goßes entstanden. Die KI-Fabrik ist ein Aushängeschild für die Metropolregion“, sagte der Vizekanzler. Unter dem Aspekt der Souveränität und des Selbstbewusstseins der Industrienation sei das Projekt „wahnsinnig wichtig“. Söder bezeichnete es sogar als ein „Statement“. Und er ist für einen Industriestrompreis für Rechenzentren. OB Reiter plädierte dafür, den Menschen die Angst vor KI zu nehmen. Er sei sich sicher, dass „wir mit KI Arbeitsplätze sichern“.

Das Telekommunikationsunternehmen Deutsche Telekom ist nach eigenen Angaben mit seiner Tochter T-Systems seit zwei Jahrzehnten im Betrieb von Rechenzentren aktiv. „Mit der brandneuen Industrial AI Cloud reagiert die Telekom jetzt auf den stark wachsenden Bedarf an souveräner KI-Rechenleistung in Europa“, erklärt ein Telekom-Sprecher auf Nachfrage. Höttges betonte: „Wir brauchen Souveränität, da wir uns sonst komplett abhängig machen.“ Als Ankerkunde könnte sich das Unternehmen außerdem den Bund gut vorstellen. Denn so könnte die Digitalisierung etwa in Kommunen vorangetrieben werden, sagte Abolhassan.

Die Plattform ist nun Europas erste Cloud-Infrastruktur speziell für industrielle Künstliche Intelligenz. Beim Umgang mit den Daten kämen nur Mitarbeiter aus Deutschland und Europa zum Einsatz, hieß es bereits im November. „Die Telekom erschließt ein neues Wachstumsfeld, stärkt Europas digitale Souveränität und ermöglicht Industrie, Forschung und Staat den sicheren Einsatz von KI“, erklärte der Telekom-Sprecher. Schließlich will Europa weniger abhängig von US-Konzernen werden. Eine Mammutaufgabe.

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