Gold-Rosi und ihre Glücksstrumpfhose

von Redaktion

Schau mal! Rosi zeigt Freund Christian ihr Slalom-Gold.

0,33 Sekunden vor Claudia Giordani (Italien). Rosis Goldfahrt im Slalom.

Die Glücksstrumpfhose sowie Skihose und -brille vom Slalomrennen liegen noch immer auf dem Speicher. © privat

Siegerbild nach der Abfahrt: Die Klebestreifen an der Startnummer und am Schaft der Schuhe sind noch dran. © imago (3)

Garmisch-Partenkirchen – Es war im Winter 1983, Zöpferl-Weltmeisterschaft in Kanada. So heißt sie bei den Bayern. Offizieller Name: „Powder 8“. Ein Zweier-Team zieht hintereinander synchrone Schwünge in den Tiefschnee, zeichnet perfekte Achten. Von perfekt aber sind die Zöpferl von Christian Neureuther und Rosi Mittermaier weit entfernt. Findet zumindest er. Sie müssten das doch jetzt mal gescheit üben, ruft er. So haut das nicht hin! Herrschaftszeiten! Christian Neureuther wettert, Rosi Mittermaier lächelt. „Ge, Christian, was regst dich denn so auf? Ich hab‘ doch mei Glücksunterwäsch‘ von Innsbruck an.“ Das Ehepaar aus Garmisch-Partenkirchen gewinnt. Ohne Training. Eine Sensation.

Diese blaue Baumwollstrumpfhose … Christian Neureuther lacht. Sie liegt auf dem Speicher, zigmal geflickt. Christian hat sie auch nach dem Tod seiner Rosi im Januar vor drei Jahren aufbewahrt. Bei jedem Rennen hat Rosi sie getragen, auch bei den Olympischen Skirennen in Innsbruck vor 50 Jahren. Zudem das Goldketterl ihrer älteren Schwester Heidi – und am Arm den goldenen Schweinderl-Anhänger ihres späteren Mannes Christian.

Am 8. Februar 1976 startet die 25-Jährige damit bei ihrem ersten Wettkampf. Die Abfahrt. Noch nie hat sie eine gewonnen, bei der Generalprobe ist sie Letzte. An diesem Tag rast sie zu Gold. Gold im Slalom und Silber im Riesenslalom folgen. Diese Spiele verändern alles. Die ganze Nation feiert sie als „Gold-Rosi“. Sie löst einen Hype aus, der ihr fast peinlich ist.

Startnummer neun trägt die junge Frau von der Winklmoosalm. Windschnittig hat ihre Physiotherapeutin und beste Freundin Traudl Münch sie zusammengerichtet: Mit Klebeband befestigt sie das Laiberl am Rennanzug und die Hose am Schaft der Schuhe. Damit nichts flattert im Wind. Gelacht hat Mittermaier oft beim Blick auf die Siegerfotos. „Das hat verboten ausgeschaut.“ Aber gewirkt hat’s. Genauso wie Heinz Mohrs Taktik.

Seit 1974 war der Mittenwalder Teil des Trainerteams. Ohne ihn, glaubt Neureuther, hätte seine Frau die Medaillen nicht gewonnen. Denn die junge Athletin setzte ihre Prioritäten gern anders. Stand da im Plan „zwei Stunden Ausdauertraining“, an einem Tag, an dem sie rund um die Alm in Reit im Winkl viele Pfifferlinge und Steinpilze gefunden hätte – „die Rosi wär‘ in die Schwammerl gegangen, hundertprozentig“, sagt Neureuther. Darum kam Mohr vorbei, dann wurde gelaufen.

An jenem 8. Februar steht er am Start. Flach beginnt die Strecke. Seine Ansage: anschieben, bis sie ihn nicht mehr schreien hört. Er brüllt, sie schiebt. Im Ziel hat sie 52 Hundertstel Vorsprung auf die Favoritin aus Österreich Brigitte Totschnig.

Nummer elf trägt Schwester Evi, sie ist Mitfavoritin. Von ihrer Fahrt weiß sie nur, „dass ich grottenschlecht war. Ich war so aufgewühlt.“ Weil ihr Coach Klaus Mayr mit auf die Strecke gibt: „Die Rosi hat’s!“ Evi, damals 22, kann nicht mehr denken. Unterwegs weint sie vor Glück. Sie wird nur 13., aber das „Mittermaier-Gen“ verdrängt die Enttäuschung. Im Zimmer bereitet sie den Empfang der Olympiasiegerin vor: Auf ihrer Kassette sucht sie das Lied von Herb Alpert. Den Titel weiß sie nicht mehr, die Melodie kann sie noch summen. „Das hat sich so nach Hymne angehört“, sagt sie. „Es hat eine richtige Euphorie erzeugt.“ Gespielt wurde das Lied immer, wenn eine der Schwestern der Meinung war, die andere sei gut gefahren.

Christian erlebt den Sieg am Fernseher. „Welch ein tiefes Glücksgefühl!“ Er selbst ist am 14. Februar im Slalom auf Medaillenkurs. In den letzten Stangen löst die Bindung aus, auf einem Ski fährt er durchs Ziel. Platz fünf. Frustriert trifft er Rosi. Begeistert empfängt sie ihn. „Super! Toll gefahren! Was regst du dich auf?“

Rosi hat da ihre Medaillensammlung schon komplettiert. Gold im Slalom am 11. Februar. „Rosi, mach es noch einmal“ singen die Zuschauer vor dem Riesenslalom. Ein drittes Gold aber „wäre so untypisch gewesen für sie“, sagt Neureuther und lacht. Sie wird Zweite. Von einem Termin zum nächsten hetzt Mittermaier nach den Rennen. Gemeinsam mit zwei Grazer Polizisten. Es gibt Morddrohungen. Im VW-Käfer kutschieren sie die junge Skifahrerin von Pressekonferenz zu Pressekonferenz. Und versorgen sie mit Leberkässemmeln.

Die Rückfahrt führt vom Empfang in München in einer Stretch-Limousine heim nach Reit im Winkl. In jedem Dorf halten sie an, überall warten Menschen. Eine Frau hält ihren Hund ans Fenster, sie möge ihn doch bitte streicheln. „Freilich war’s schön“, sagt Rosi später. Aber zu viel für eine so bescheidene Frau wie sie. „Ich hab’ mir vor allem gedacht: Mei, geht’s doch lieber heim. Das ist doch alles nicht so wichtig.“

Die Winklmoosalm, das Elternhaus, wird zur Pilgerstätte. 40 000 Briefe und Karten, darunter unzählige Heiratsanträge, schleppt der Postbote in einem Monat hinauf. Die Familie zieht vom Erdgeschoss in den ersten Stock, weil hunderte Fans ihre Nasen an die Fensterscheiben drücken, um ihre Gold-Rosi zu sehen. Wäsche können sie im Garten nicht mehr aufhängen, erzählt Neureuther. „Die haben die Leut‘ mitgenommen.“

Rosi Mittermaier krönt die Saison mit dem Gesamtweltcup-Sieg – und beendet ihre Karriere. Rosi-untypisch – sie lebte von einem Tag zum nächsten – hört sie auf ihr Umfeld und denkt unternehmerisch: Mit diesem Erfolg kann sie Geld verdienen. Sie unterschreibt beim US-Sportvermarkter IMG, der Größen wie Björn Borg, Wayne Gretzky oder Alain Prost unter Vertrag hat. IMG will Mittermaier unbedingt, als erste deutsche Athletin. Nach zwei Jahren übernimmt Neureuther das Management. Nachdem die US-Berater Mittermaier nahegelegt haben, nach Monaco zu ziehen, aus steuerlichen Gründen. Christian lacht. „Das muss man sich mal vorstellen. Die Rosi – in Monaco!“ Ausgerechnet seine Frau, die auch ohne Goldmedaillen glücklich gewesen wäre. Hauptsache, der Familie geht es gut.

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