Zurück in die Ukraine: „Es fühlt sich richtig an“

von Redaktion

Als 2023 der Kachowoka-Staudamm zerstört wurde, stand Yuliias Heimat unter Wasser. © IMAGO/Stringer

„Russland soll nicht über mein Leben bestimmen“: Yuliia Kysil in Kiew, sie trägt ihr traditionelles Gewand zum Unabhängigkeitstag. © IMAGO/Stringer

Mit Mütze und Kerze sitzt Yuliia in ihrer Wohnung. © Privat

Yuliia Kysil auf dem Sophienplatz in Kiew: Das Denkmal im Hintergrund für Nationalheld Bohdan Chmelnyzkyj wurde zum Schutz vor den russischen Bomben eingepackt. © privat

Graswang/Kiew – Yuliia Kysil stapft durch den Schnee in Oberammergau, Kreis Garmisch-Partenkirchen. Die Luft ist kalt, die Sonne scheint. Die 25-Jährige holt ihr Handy aus der Handtasche, wischt mit den rot lackierten Fingernägeln über den Bildschirm, spielt ein Video ab. Es ist die Aufnahme einer Sicherheitskamera. 28. August 2025, 5.40 Uhr morgens in Kiew. Es dämmert, die Millionenstadt schläft noch. Plötzlich rast ein schwarzer Gegenstand auf die Häuser zu. Der Bildschirm wird weiß. Ein Feuerball leuchtet auf. Dann steigt eine Wolke aus Staub, Schutt und Asche in den Himmel.

„Als die Rakete eingeschlagen ist, habe ich noch geschlafen“, sagt Yuliia. Getroffen wurde ein Wohnhaus nur ein paar Meter weiter. Die 25-Jährige hatte großes Glück, das weiß sie. Heute ist sie weit weg vom Krieg, besucht für ein paar Tage ihre Eltern. Die leben in Graswang, nahe Oberammergau. Ein idyllisches Dorf, umgeben von Bergen. Samstags bringt der Bäcker Semmeln und Brezen. Kein Sirenengeheul, keine Drohnen, keine Luftschutzkeller. Eine kurze Auszeit für Yuliia. Sie ist groß, schlank, unter der Strickmütze schauen ihre langen braunen Haare hervor. Die 25-Jährige lacht viel.

Ihre Lebensfreude lässt sich Yuliia von niemandem nehmen. Dabei hat sie Schlimmes erlebt und gesehen. Sie floh nach Oberbayern, war mit ihrer Familie in Sicherheit. Vor einem halben Jahr ist sie alleine in die Ukraine zurückgekehrt. Lebt freiwillig wieder dort, wo seit vier Jahren Krieg tobt. Wo täglich Menschen sterben.

Yuliia stammt aus der Region Cherson. Am Ufer des Dnepr, Europas drittgrößtem Fluss, wuchs sie mit einem jüngeren Bruder und ihren Eltern auf. Der Vater betrieb ein Möbelgeschäft. Eigentlich eine unbeschwerte Kindheit. Aber sie spürte die Gefahr aus dem Nachbarland. „Die Angst vor Krieg war schon immer da.“

Am 24. Februar 2022 befahl Wladimir Putin den Angriff. Ihre Eltern flohen nach Deutschland. Yuliia blieb, beendete ihr Dolmetscher-Studium. Als im Juni 2023 der Kachowoka-Staudamm zerstört wurde, stand ihre Heimat unter Wasser. „Ich hatte nichts mehr.“ Yuliia folgte ihren Eltern nach Graswang, lernte Deutsch, arbeitete als Tourguide in König Ludwigs Schloss Linderhof. Sie mochte die Gegend, fand Freunde. Ihre Gedanken, sagt sie, seien aber in der Ukraine gewesen.

In Deutschland chattete Yuliia täglich mit ihrem besten Freund. Der kämpfte mit den Sturmtruppen an der Front. Eines Abends schrieb er: „Yuliia, pass auf dich auf!“ Seine letzte Nachricht. „Er ist am nächsten Tag gestorben.“ Jetzt lächelt Yuliia nicht mehr. Ein paar Sekunden Stille. Neben ihr rauscht das Wasser der Ammer, die durch Oberammergau fließt.

Yuliia stellte sich immer dieselbe Frage. Müsste sie nicht in der Ukraine sein? „Ich wollte meinem Land helfen.“ Ihre Generation sei doch die Zukunft. Russland soll nicht über ihr Leben bestimmen. „Diese Macht dürfen sie nicht haben.“ Yuliia wollte wieder in die Ukraine. „Meine Eltern haben sich große Sorgen gemacht“, sagt sie. Doch sie respektieren den Wunsch ihrer Tochter. Sie sprach mit Bekannten in der Ukraine. „Komm nicht“, sagten sie. Doch Yuliia kam. Packte alles, was sie hat, in ihr Auto und fuhr im August 2025 nach Kiew. Sie hatte keine Wohnung, keine Arbeit. Doch als sie so durch die Straßen ging, fühlte sich das gut an.

Sie fand eine Wohnung in einem alten Bauernhaus, nahm eine Stelle bei der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit an, ging auf Musikfestivals oder ins Theater. Halloween feierte sie in einer Disco, tanzte bis in den frühen Morgen. Der DJ spielte „Tanz und Drink“ von der ukrainischen Band Zwyntar. Im Refrain heißt es: „Tanzt und trinkt, solange ihr lebt. Denn morgen kommt der Tod.“

Erzählt Yuliia von ihrem Leben in Kiew, klingt das fast unbeschwert. Wären da nicht die Sirenen, die ständig losheulen. Ganze Nächte verbringt sie in Luftschutzbunkern. Regelmäßig fällt der Strom in ihrer Wohnung aus. Ja, immer wieder zweifelt sie, aber tief in sich drinnen spürt sie: „Es fühlt sich richtig an.“ In solchen Momenten liest sie Gedichte von Wassyl Stus, einem ukrainischen Aktivisten, der 1985 in einem sowjetischen Straflager starb. In ihrem Lieblingsgedicht „Leide“ schreibt Stus: „Halte durch, halte durch.“

Mittlerweile hat Yuliia einen Partner – Mykhailo. Früher waren sie Freunde, heute sind sie ein Liebespaar. Sie sehen sich selten. Mykhailo ist bei der Armee Experte für Drohnen. Immer wieder schaut Yuliia, wann er zuletzt online war.

Unter Yuliias weißen Stiefeln knirscht der Schnee. „Lass uns zurückgehen, es wird kalt“, sagt sie, bleibt kurz stehen und schaut auf den Kofel, einen 1342 Meter hohen Berg in Oberammergau. „Da will ich unbedingt mal rauf.“ Wenn sie wieder in Deutschland ist. Doch zuerst geht es zurück nach Kiew. Wie sich das anfühlt? Yuliia überlegt ein paar Sekunden. „Ich habe gemischte Gefühle.“ Auf Mykhailo, ihre Freunde, und die Heimat freut sie sich. Vermissen wird sie ihre Familie und die Berge. Frieden tauscht sie wieder gegen Krieg.

Artikel 2 von 4