Bald erster grüner Bürgermeister im Landkreis Starnberg? Hubert Vögele aus Inning am Ammersee. © Andrea Jaksch
München – In Inning am Ammersee steht Hubert Vögele mit seinen 67 Jahren vor einer zweiten Karriere. Am 8. März ist Kommunalwahl, und wenn nicht alles schiefläuft, wird Vögele, der Mitglied der Grünen ist, zum hauptamtlichen Bürgermeister gewählt. Man kann das ziemlich sicher sagen, denn der ehemalige Logistikexperte ist der einzige Kandidat in der 4800-Einwohner-Gemeinde. Nur ein parteiloser Mitbewerber hat auch Interesse – aber er hat nicht einmal genug Unterschriften zusammenbekommen, um auf dem Wahlzettel zu stehen. Man muss nun extra seinen Namen draufschreiben, um ihm seine Stimme zu geben. Unwahrscheinlich, dass das passiert, sagen sie in Inning.
Inning ist kein Einzelfall – es gibt dutzende, zumeist kleinere Gemeinden, in denen nur ein Kandidat zur Wahl steht. Tutzing. Oder Kochel im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Bruckmühl im Kreis Rosenheim. Glonn und Frauenneuharting im Kreis Ebersberg – die Liste ließe sich leicht verlängern. Sogar im ehemaligen Bergarbeiterort Peißenberg kandidiert nur der Amtsinhaber, ein CSU-Mann. Es werde immer schwieriger, Kandidaten zu finden, heißt es. Selbst bei den Listen für die Stadt- und Gemeinderäte wird es knapp.
Anruf bei Michael Weigl vom Lehrstuhl für Politikwissenschaften an der Uni Passau. Er forscht über „kommunale politische Partizipation“. Nur pro forma und aus Sympathie für eine Partei zu kandidieren, sagt Weigl, gehe heute nicht mehr. Die Wähler können Kandidaten, auch wenn sie ganz hinten auf der Liste sind, nach vorne häufeln – schwups ist der Kandidat, der gar nicht will, im Gemeinderat. Früher wählte der Wähler stur die Liste. Heute ist er sozusagen wählerischer. Es wird kumuliert und panaschiert nach Lust und Laune – gemeint ist: Viele Wähler kreuzen Kandidaten unterschiedlicher Listen an und vergeben zwischen 1 und 3 Stimmen. Auch Anfeindungen sind ein Faktor, sagt Weigl. Und: „Anonymität ist auch auf dem Land größer geworden, so dass es auch dort viele gibt, die sich nicht mehr einbringen wollen.“ Hubert Vögele aus Inning sagt: „Du musst die Leute ansprechen, einen langen Atem haben, um die Liste voll zu bekommen.“ Es sei auch als Gemeinderat nicht damit getan, nur zwölf Mal im Jahr in der Sitzung die Hand zu heben. Fast jeder zweiter Gemeinderat wird in Inning Referent. Mehrarbeit garantiert. Das mag nicht jeder.
Die Kandidatenschwäche lässt auch die CSU nicht aus. Die Partei mauert bei dem Thema. Man werde versuchen, die Zahl der Mandate zu halten, ist die dürre Auskunft aus der Parteizentrale. Dabei ist sie, wenn man die überwältigende Zahl parteifreier Kandidaten mal hintanstellt, die klare Nummer eins. 890 der über 2000 Bürgermeister in Bayern haben ein CSU-Parteibuch oder zumindest eine gewisse CSU-Affinität.
Doch es gibt Anzeichen, dass die CSU-Dominanz bröckelt. In Fürstenfeldbruck etwa hat sich die CSU-Fraktion kürzlich gespalten – hier tritt jetzt auch eine (meist mit ehemaligen CSU-Mitgliedern bestückte) „Fürstenfeldbrucker Mitte“ als eigene Liste an. In Ebersberg hat die CSU keinen eigenen Bürgermeisterkandidaten gefunden. Auch in Icking (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) gibt es keinen. Und selbst in Benediktbeuern musste die CSU passen. Moment: Benediktbeuern, tiefschwarz, CSU-Stimmanteil bei der Bundestagswahl über 43 Prozent, wie kann das sein? „Ja mei“, sagt Hans-Otto Pielmeier, CSU-Chef in dem Klosterdorf, das sei „ein Sonderproblem“. „Wir haben schon fähige Leute, aber die stecken im Unternehmen und können nicht raus.“ Andere sind zu jung. Oder zu alt – so wie er. „40 Jahre hartes Arbeitsleben, ich war viel im Ausland“, und die Ehefrau wäre nicht begeistert, sagt der 68-Jährige. Da verzichte er lieber.
Benediktbeuern ist überall. Gewissermaßen. Die CSU werde froh sein, wenn sie „ihr Ergebnis von 2020 mehr oder minder halten wird“, sagt Politik-Forscher Weigl. Bei der Kommunalwahl 2020 erreichte die CSU bayernweit 34,5 Prozent, in Oberbayern 33,1 Prozent. Dahinter rangierten die Grünen. Doch dieses Gesamtergebnis ist mit Vorsicht zu betrachten, da hier traditionell nur die Ergebnisse der Stadtratswahlen in den 25 kreisfreien Städten Bayerns wie München sowie die Kreistagswahlen in den 71 Landkreisen saldiert sind. Unberücksichtigt bleiben die Gemeinderatswahlen in den vielen hundert Dörfern. Daher lasse die Kommunalwahl immer „einen großen Interpretationsspielraum“, so sagt der Politologe Weigl. Mindestens genauso prestigeträchtig sei, ob eine Partei die Zahl ihrer Bürgermeister und Landräte halten könne. Bei den Landräten könnte es spannend werden. 62 der 71 Landräte werden neu gewählt. Die CSU tritt 15 Mal mit Neulingen an. Auch die AfD ist eine Unbekannte. Obwohl die Partei in einigen Landkreisen Schwierigkeiten hat, eine Kreistagsliste zusammenzustellen, rechnet Weigl mit Zugewinnen.
In Inning sieht Hubert Vögele seiner Wahl entspannt entgegen. Die AfD gibt es hier nicht. Anfeindungen habe er nicht erlebt. Er wird wohl als erster grüner Bürgermeister im Landkreis Starnberg. Aber es wird auch wieder den ältesten und den jüngsten Bürgermeister geben, den in der kleinsten Gemeinde und der größten Stadt. So eine Kommunalwahl hat viele Gewinner.