Die Gewalt nimmt auch in Zügen zu. © Jens Büttner/dpa
Die Bodycam läuft nicht automatisch – nur wenn Benjamin Teichgräber sie einschaltet. © Marcus Schlaf (2)
Mehr Respekt, das wär‘s – Zugbegleiter Benjamin Teichgräber kontrolliert Fahrgast Yildrim Osman. © Marcus Schlaf
München – Es ist 10.17 Uhr an diesem Donnerstagvormittag am Münchner Ostbahnhof. Benjamin Teichgräber (32), seit 14 Jahren Zugbegleiter bei der Südostbayernbahn, checkt noch einmal den Bahnsteig – pünktlich setzt sich der RB 40 Richtung Mühldorf in Bewegung. Teichgräber macht seine Durchsage – „wir wünschen Ihnen eine angenehme Fahrt“, sagt er zu den Passagieren. Angenehm, so verläuft die Fahrt für ihn selber nicht immer.
Vier Mal schon ist Teichgräber attackiert worden. Die SOB will als sympathisches Unternehmen rüberkommen. „I mog die SOB“, so lautet der Slogan. Aber die Gewalt fährt potenziell mit. Beim letzten Vorfall, erzählt Teichgräber, blieb ein Fahrgast an der Endstation einfach sitzen. „Ich habe ihn dann aufgefordert, den Zug zu verlassen.“ Da schlug der Mann zu, ehe er flüchtete. Rippenprellung, der Zugbegleiter war einige Tage krankgeschrieben. Einmal, erzählt Teichgräber, stand ein Mann mit einem Messer vor ihm im Zug. „Zum Glück waren wir zu dritt, konnten den Mann im Zaum halten, bis die Bundespolizei kam.“ Und erst vergangene Woche warf ein Unbekannter im Zug der SOB eine Bierflasche nach einem Kollegen Teichgräbers. Der ist noch im Krankenstand.
Nur drei Vorfälle von tausenden. Zugbegleiter leben gefährlich. Vor der tödlichen Attacke auf Serkan C. im Regionalzug bei Landstuhl/Rheinland-Pfalz (siehe Kasten) war das eher eine Randnotiz. Die Zahlen aber sind seit Jahren alarmierend. Über 3000 Übergriffe auf DB-Mitarbeiter hat die Bahn im vergangenen Jahr gezählt. Im Schnitt acht Mal täglich werde zugeschlagen, gespuckt, übelst beleidigt. Nach einer Umfrage der Gewerkschaft EVG von 2024 haben schon 83 Prozent der Kundenbetreuer bei der Bahn Übergriffe erlebt. Heute beim Sicherheitsgipfel der Bahn mit Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU), Bahnchefin Evelyn Palla und dem Sprecher der Länder-Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU) dürfte das Thema in den Fokus rücken.
Die Forderungen der Gewerkschaft liegen auf dem Tisch. Hauptpunkt: mehr Personal. Nur noch in Doppelbesetzung sollen Kontrollen im Zug stattfinden, sagt EVG-Chef Martin Burkert.
Davon kann aber bei der Südostbayernbahn, die ein weites Streckennetz rund um Mühldorf abdeckt mit Zügen etwa nach Salzburg, Landshut und München, keine Rede sein. „Zwei Zugbegleiter im Zug, das wünschen wir uns alle“, sagt Benjamin Teichgräber. In der Realität sei das nur in „gewissen Zügen“ der Fall. Sonst ist er allein im Zug. Leute von der DB Sicherheit fahren bei der SOB nur während des Oktoberfests mit, sonst nie. Die Bundespolizei ist nur an den großen Bahnhöfen, nie im Zug. Auf den Nebenstrecken der SOB sind in der Mehrzahl der Fahrten gar keine Zugbegleiter an Bord – was dann auch den Nebeneffekt hat, dass Schwarzfahrer unentdeckt bleiben.
Eine deutschlandweit einheitliche Regel, wie viele Zugbegleiter in einem Zug mitfahren müssen, gibt es nicht. Das ist Sache der Länder – die für jede Linie Verkehrsverträge mit Zugbetreibern abschließen. Bei der S-Bahn ist es wieder anders: Da sind nur eine gewisse Anzahl von Prüfstunden je Tag durch Ticketkontrolleure vorgeschrieben, und das nicht einmal Linien-genau.
Ein Kundenbetreuer im Nahverkehr, so die offizielle Berufsbezeichnung, ist aber viel mehr als der für viele oft lästige Ticketkontrolleur. Er muss sich um die Fahrgäste kümmern, ist eine Art Mädchen für alles. Erst heute in der Frühschicht saß plötzlich ein Fahrgast mit einer blutenden Hand vor ihm. Er war auf dem Weg zum Bahnhof gestolpert. Teichgräber legte einen Druckverband an – er hat wie jeder Zugbegleiter ein Erste-Hilfe-Wissen. Ist Pflicht, sagt er. Auch für die Sauberkeit ist er zuständig, wobei zwischen Bahn und EVG umstritten ist, in welchem Ausmaß. Eine „Grobreinigung“ mache er schon, sagt Teichgräber. Leere Flaschen wegräumen etwa. Auch aufs WC hat er ein Auge., „Servicespülung“ ist Pflicht, oft sind die Klos verstopft.
Nicht alle Zugbegleiter wollen eine Bodycam
Auf der Fahrt Richtung Mühldorf sitzen auch etliche Hemadlenzn im Zug. Es ist Fasching, die in Nachthemden verkleideten Narren wollen nach Dorfen. Einer von ihnen, Quirin, sagt: „Ich bin schon vier Mal ohne Ticket erwischt worden. Aber Leute angreifen, das geht gar nicht.“ Er arbeite selber in der Gastro, sagt ein Kumpel von Quirin. „Also ich habe Respekt für deine Arbeit.“ Danke, sagt Teichgräber. Man merkt: So was würde er gerne öfter mal hören.
Es ist nicht so, dass die Bahn gar nichts für ihre Leute tut. Im Gegenteil: Jeder, der will, wird mit einer Bodycam ausgerüstet, kann also einen aggressiven Fahrgast filmen. 37 der 94 SOB-Zugbegleiter haben diese Kamera, auch Teichgräber. Jeder der Kundenbetreuer im Nahverkehr, so lautet die offizielle Berufsbezeichnung, hat auch einen Notfallknopf, mit dem er die Leitstelle alarmieren kann. Ein Deeskalationstraining gehört zur Berufsausbildung. Sogar mit einem Tierkörpertraining sind die Schaffner ausgestattet.
Aber was nützt die beste Ausrüstung, wenn der Fahrgast trotzdem zuschlägt? Die Aggression nehme ständig zu, das ist die allgemeine Meinung unter den Fahrgästen im Zug. Vor allem Senioren berichten, dass sie sich lieber mal wegsetzen, wenn es nebenan laut wird.
Benjamin Teichgräber versteht das. Trotzdem sagt er: Es wäre schon gut, wenn mehr Fahrgäste Zivilcourage zeigen würden. „Wir werden oft alleingelassen.“