Friedrich Merz, Emmanuel Macron und Keir Starmer vor der Frauenkirche. © Nietfeld/dpa
Wolfgang Ischinger, Leiter der Sicherheitskonferenz.
Markus Söder überreicht Gast Selenskyj den Preis. © x
Die Tisch-Runde der Mächtigen mit Söder, rechts neben ihm Jens Stoltenberg und Andrej Plenkovic. © cd
Pracht und Punk im Kaisersaal der Residenz – und ein Stargast, dem dabei nicht wohl ist. Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, spricht bei der Verleihung des Ewald-von-Kleist-Preises und geht sofort danach wieder. © Sven Hoppe/dpa
München – Er wirkt klein, fast verloren in diesem Saal. Die Marmorsäulen hinter ihm sind dicker als er, die Flaggen am Rednerpult fast doppelt so hoch, seine Vorredner alle einen Kopf größer, die goldene Decke erstreckt sich in zehn Meter Höhe. Als Wolodymyr Selenskyj dann reden soll, klingt seine Stimme kratzig, angeschlagen. Doch sofort ist es mucksmäuschenstill in der Residenz, und seine Worte füllen den riesigen, vollbesetzten Kaisersaal bis in jeden Winkel aus.
Es ist ein besonderer, ein emotionaler Abend, der viele Gäste nachdenklich zurücklässt. Beim traditionellen Dinner in Bayerns prächtigstem Gebäude wird der Ewald-von-Kleist-Preis verliehen, die höchste Ehrung im Umfeld der Sicherheitskonferenz. Das ist jedes Jahr so seit 2009. Mal sind es schillernde Preisträger wie Henry Kissinger, manchmal mittelspannende wie die Regierung von Barbados; einmal sogar war‘s ein totaler Flop, Preisträger Joachim Gauck sagte 2017 in letzter Minute ab, „erkältet“. Diesmal geht der Preis an das gesamte ukrainische Volk für seine Tapferkeit, Widerstandsfähigkeit, für seinen Freiheitskampf.
Der Nachbar hält die Laudatio, Polens Ministerpräsident Donald Tusk. „Die Ukraine verdient den höchsten Respekt“, sagt er, der „Kampf gegen den mächtigen, brutalen Aggressor“ sei auch ein Kampf für Europa. In Russland manifestiere sich das Böse mit militärischer Stärke, das sei die schlimmste Konstellation. Mit enormer Tapferkeit halte die Ukraine stand. „Aber Komplimente sind nicht genug. Ihr braucht kein Lob, sondern Munition.“
Auch Markus Söder, als Ministerpräsident Hausherr und Ausrichter des edlen Dinners, kämpft mit diesem Widerspruch. Der Preis werde nichts ändern an der Lage in der Ukraine, sagt er in seiner Festrede, „aber er ist ein Zeichen“. Söder erinnert an die ersten Kriegstage, als viele – und auch der mäßig informierte deutsche Geheimdienst – mit dem schnellen Fall der Ukraine rechneten. „Wer arrogant gedacht hat, wie schnell so ein Krieg vorbei sein wird“, dem habe die Ukraine gezeigt, wozu sie in der Lage ist. Söder erinnert daran, dass Bayern 200 000 Flüchtlinge aus der Ukraine aufnahm; die Debatten in seiner CSU, junge wehrfähige Männer jetzt dann mal zurückzusenden, sind kein Thema des Abends.
Ja, es gibt einige Widersprüche im Kaisersaal, manche sind offensichtlich. Schon hinter den Kulissen hat Selenskyj, so erzählen Beteiligte, höflich klarmachen lassen, dass er sich nicht an die üppigen Tafeln setzen wird. Dinner mit Sterneküche, Rauchforelle an Staudensellerie-Tatar, Hauptgang Ente mit Apfelblaukraut, Dessert gebackener Honig mit schokoverziertem Joghurt-Eis – während daheim das Volk friert und von russischen Bomben und Drohnen in die Schutzkeller und U-Bahn-Schächte gejagt wird? Das passt nicht für den ukrainischen Präsidenten, der so sorgfältig auf Bilder achtet, wie das im Krieg eben möglich ist.
Er spricht also – und geht direkt danach, ehe ein Gang serviert wird. Trotzdem trifft Selenskyj einen passenden Ton: dankbar und kämpferisch. Es ist eine Rede auf Englisch an die Regenten des Westens, von denen einzelne an der langen Tafel im Kerzenschein sitzen. Namentlich dankt er allen Regierungschefs Europas, und er nennt sie fast alle beim Vornamen. „Danke, Friedrich. Er kann ein tougher Partner sein, aber einer mit Respekt und Werten“, sagt Selenskyj über Merz (nicht beim Dinner), „danke Deutschland für starke und sichtbare Führung“.
Auch Donald, hier Trump, erfährt einen kurzen Dank, sollte es ihm übermittelt werden; der US-Präsident sei der einzige, der auf Russland größten politischen Druck ausüben könne. US-Politiker sind kaum im Raum, es gibt Parallel-Termine, aber eine auffällig große Militär-Abordnung ist gekommen. Es lohnt sich, auf Selenskyjs Zwischentöne zu hören, wie er spöttisch über den „big, big, beautiful ocean“ Atlantik spricht. Wie er „Dänemark, inklusive Grönland“ erwähnt. Und wie er am Ende seiner Vornamen-Serie sagt, er danke „sogar Viktor“ (also dem Putin-Freund Orban in Ungarn). „In seiner eigenen Art, schiebt er alle in Europa an, besser zu sein.“
Auch in dieser Rede spricht Selenskyj kurz über Putin. Er nennt ihn „jemanden, der das Wort Scham vergessen hat“. Und endet mit einem knappen, kräftigen „Slava Ukraini“, lang lebe die Ukraine.