Kreuzberg: Ein Mythos ringt um seine Identität

von Redaktion

Ein Stück echtes Kreuzberg: Das Kottbusser Tor mit Blick auf die Mevlana Moschee. © Jörg Dedering

Berliner Brennpunkt: Polizisten überprüfen am Kottbusser Tor mutmaßliche Drogendealer. © dpa

Im Görlitzer Park wurde ein „vandalismussicheres“ Drehkreuz gestohlen. © Held/imago

Kunst in Kreuzberg: Filmemacher Clemens Wilhelm posiert für Fotograf Jörg Dedering in einem Hinterhof. © Jörg Dedering

Berlin – Irgendwo entlang der Skalitzer Straße und dem Landwehrkanal verläuft eine unsichtbare Grenze durch Kreuzberg. Unmarkiert, inoffiziell – aber doch für jeden spürbar, der durch den berühmten Berliner Stadtteil schlendert. Während sich im Westen des Viertels Studentinnen mit bunten Yoga-Matten und junge Berufstätige mit wiederverwendbaren Kaffeebechern in den Straßen tummeln, entfaltet sich im Südosten ein weitaus weniger kuratierter Alltag. Spätestens am Kottbusser Tor ist der Duft von Matcha Latte verflogen und das Viertel zeigt zwischen grauen Häuserschluchten seine kantigere Seite.

Zurückführen lässt sich die gefühlte Zweiteilung auf die alten Postleitzahlbereiche: Der südöstliche Teil mit der Bezeichnung SO 36 – vor der Wende an drei Seiten von der Mauer umschlossen – galt als Arbeiterbezirk mit revolutionärem Geist. In den 70er- und 80er-Jahren besetzten linke Aktivisten dort Häuser, Aufwiegler lieferten sich am 1. Mai legendär gewordene Straßenschlachten mit der Polizei. Im aufgeräumten Kreuzberg 61 wohnten hingegen vor allem Lehrer und Beamte, die sich selbst als linksgewandtes Bildungsbürgertum verstanden, von ihren Nachbarn in SO 36 jedoch eher als Spießer bezeichnet wurden.

„36 brennt, 61 pennt“. Die meisten Jungen kennen den alten Spruch nicht mehr. Doch seine Essenz lebt. Der Bergmannkiez im ehemaligen Kreuzberg 61 ist noch immer die bürgerliche Hochburg des Viertels. Zwischen gepflegten Altbauten finden sich Shops und kulinarische Angebote aus aller Welt, die vergangenes Jahr mehr als 1,5 Millionen Übernachtungsgäste nach Kreuzberg lockten. Große Reiseanbieter messen, wie „hip“ es dort ist. TUI kürte Kreuzberg jüngst zum „angesagtesten Stadtteil Deutschlands“ – anhand von Lifestyle-Parametern: die Dichte von Yoga- und Pilatesstudios pro 10 000 Einwohner (10,7), die Anzahl der Flohmarkttermine pro Monat (neun) oder der Durchschnittspreis von Espresso Martini (elf Euro).

Mit der Beliebtheit steigen die Preise. Fotograf Jörg Dedering verfolgt seit 30 Jahren, wie sich Berlin, insbesondere Kreuzberg wandelt. „Der echte Kiez geht zunehmend verloren“, sagt er. „Es kostet alles immer mehr.“ Kiez – das ist ein Ort, der Identität stiftet. Wo man sich kennt, wo es urige Kneipen, Spätis und kleine Geschäfte gibt. Noch. In beliebten Lagen betragen die Durchschnittsmieten inzwischen über 22 Euro pro Quadratmeter. Dederings Atelier liegt hinter einer Kfz-Werkstatt in einem Kreuzberger Hinterhof: abblätternde Wandfarbe, staubiger Holzboden, Graffiti im Eingangsbereich. „Selbst hier zahlen wir eine hohe Miete, obwohl das keine sonderlich modernen oder frisch renovierten Räume sind“, sagt er.

Im südlichen Grenzbereich zwischen Kreuzberg und Neukölln hat Clemens Wilhelm sein Atelier. Der Filmemacher hat vor gut 15 Jahren noch einen günstigen Mietvertrag unterschrieben. Heute empfindet er die Lage für Künstler in Berlin als katastrophal. „Als Freiberufler ist es ein Ding der Unmöglichkeit, eine bezahlbare Wohnung zu finden.“ Beim Wohnraum greife immerhin noch der Milieuschutz – die Preise für Arbeitsräume stiegen hingegen ins Unermessliche.

Wilhelm, ein gebürtiger Berliner, leidet unter der Entwicklung: „Ich liebe meine Heimatstadt, es ist traurig, was mit ihr passiert.“ Kultur würde nur noch als Verhandlungsmasse wahrgenommen, dabei sei sie das Alleinstellungsmerkmal Berlins. „Sie ist das Beste, was wir zu bieten haben.“

Dedering fotografiert für seine Porträtreihe „Berlin Artists“ seit Jahren die Künstler der Hauptstadt und merkt, wie sehr sie gerade in Kreuzberg unter der Gentrifizierung leiden. „Die Szene verschiebt sich immer mehr nach Neukölln.“ Dort sei noch mehr von dem alternativen und künstlerischen Geist zu finden, der einst durch Kreuzberg wehte und sein Image prägte. „Inzwischen ist vieles aber deutlich angepasster als noch in den 90ern.“

Von „angepasst“ kann in Teilen des ehemaligen SO 36 nicht die Rede sein. Das Angebot an Kneipen, Restaurants und kleinen Läden ist zwar genauso vielfältig wie im Bergmannkiez, doch die Umgebung ist rauer. Mittelpunkt ist das Kottbusser Tor. Der „Kotti“ ist eine Kreuzung von sechs Straßen, die eine Art Platz bilden, mittig von einer überirdischen U-Bahn-Linie durchschnitten, von Hochhäusern gesäumt. Seit Jahren landet er im Polizei-Ranking der gefährlichsten Orte Berlins unter den Top sieben.

Drogen, Junkies, Diebstahl, Gewalt – die Schlagzeilen über den Kotti sind meist negativ. Für Mounir N. ist er trotzdem eine zweite Heimat. Der junge Mann kam vor vier Jahren aus Tunesien und lebt seitdem in der Nähe des Kottbusser Tors. Er schätzt vor allem das Gemeinschaftsgefühl unter den Anwohnern.

Mounir empfindet die Atmosphäre am Kotti nicht als aktiv bedrohlich. „Wenn jemand aggressiv wirkt, vermeide ich Augenkontakt – das funktioniert eigentlich gut“, sagt er. Kritischer sei die Situation im Görlitzer Park, ein weiterer Berliner Brennpunkt etwa 15 Gehminuten vom Kotti entfernt. Der „Görli“ ist wohl die berüchtigtste Grünfläche Deutschlands, ein Drogenumschlagplatz. An den Eingängen wachen Dealer. Auf den Bänken setzen sich Abhängige ihre Spritzen.

Um den Park aufzuräumen, setzt Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) auf Zäune. Ab März soll der Görli nachts abgeriegelt werden. Dagegen regt sich der Kreuzberger Protestgeist: Ein „vandalismussicheres“ Drehkreuz wurde gestohlen, tauchte im Landwehrkanal wieder auf. Anwohner, die befürchten, ein Zaun verlagere die Drogenszene in die Wohngebiete, schließen sich zu Bündnissen zusammen.

Sind Kotti und Görli die letzten Bastionen gegen die Gentrifizierung Kreuzbergs? Jörg Dedering glaubt das nicht. Die Probleme dort seien Auswirkungen der Gentrifizierung – die Kehrseite. „Klaus Wowereit sagte ja mal: ‚Berlin ist arm, aber sexy.‘ Heute ist es nur noch arm“, resümiert er mit Bezug auf den berühmte Satz des ehemaligen Berliner Bürgermeisters. Die Armut treibe viele aus der Stadt – oder in Drogenkonsum und Kriminalität.

Dennoch hält es Dedering in Berlin. Vieles habe sich verändert, manches sei verloren. Aber weggehen? Das könne er sich nicht vorstellen. In keiner anderen Stadt gebe es eine solche kulturelle Vielfalt. In Kreuzberg trinken die einen Espresso Martini in minimalistisch eingerichteten Bars, andere verteidigen eine Grünfläche gegen nächtliche Abriegelungen. Manche machen beides an einem Tag. Diese Mischung definiert den Stadtteil – und ist für Menschen wie Jörg Dedering der Grund, zu bleiben.

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