Der SPD-Chef in Vilshofen: Lars Klingbeil (r.) mit der Landesvorsitzenden Ronja Endres. © Lukas Barth/dpa
Vilshofen/München – Der Vizekanzler kommt mit großen Vorschusslorbeeren auf die Bühne. Einer der (sehr vielen) Vorredner kündigt „die wichtigste verbale Schlägerei der Politik“ an. Und Lars Klingbeil hebt an zum Loblied aufs rhetorische Raufen: „Wir brauchen mehr Streit, mehr Debatte, mehr Stammtisch“, sagt er, der Saal jubelt. Aber hält er das ein?
Der rote Polit-Aschermittwoch mit dem Parteichef dient eher der Selbstvergewisserung als der Attacke. Der Niedersachse, 48, spricht viel über die globale Lage, über Herausforderungen, Wirtschaft und Klimaschutz. Er holt die Welt in den Wolferstetter Keller. Leidenschaftlich, aber selten schroff. Allenfalls die AfD („die Nazis“) packt er grob an, verknüpft auch das mit einem Pro-EU-Appell: „Raus aus Europa – das wäre das Dümmste, was wir machen können.“ Die AfD sitze „auf dem Schoß von Putin, die himmeln einen Kriegsverbrecher an“. Die SPD stehe fest an der Seite der Ukraine.
Innenpolitisch stellt er sich glasklar gegen die Unionspolitiker aus Bayern, Baden-Württemberg und Hessen, die massive Korrekturen am Länderfinanzausgleich fordern. Ein „totales No-Go“ sei das, sagt Klingbeil, der Finanzminister. „Unanständig“ sei es, wenn man „im Wahlkampf die Axt anlegt an das Solidarsystem, das wir unter den Ländern haben“. Für 2026 kündigt er eine Steuerreform an, die kleine und mittlere Einkommen entlaste, und verstärkten Einsatz gegen Steuerbetrüger in Anzügen.
Klingbeil, wahrlich nicht vom linken Flügel, verzichtet auf jedes böse Wort über Merz. Aber er sendet manches Signal an die eigenen Leute. Immer wieder redet er über „Menschen, die hart arbeiten“, die Fleißigen, die Rentner, rückt sie (und nicht Bürgergeld-Debatten) in den Mittelpunkt. Beim Thema Wirtschaft nennt er exemplarisch neue Munitionsfabriken. Das klingt für manchen im vollen Saal gewöhnungsbedürftig.
Also: keine Schlägerei, noch nicht mal Rempler. Dennoch gute Stimmung. Vilshofen, rot regiert, ist Geburtsort des Polit-Aschermittwochs vor 107 Jahren. Die SPD schöpft Selbstvertrauen daraus, inzwischen fest hier zu gastieren. Landeschefin Ronja Endres versucht, Sprechchöre im Saal anzuheizen: „Hier! Regiert! Die SPD!“ Und ruft Richtung Passau und Söder: „Maggus, hör uns brüllen!“ CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER