Die Ermittler kamen am frühen Morgen und in Zivil zu Andrews neuem Anwesen Wood Farm. © Bav Media
Andrew mit Virginia Giuffre, die sich das Leben nahm. © dpa
Dieses Bild veröffentlichte das US-Justizministerium.
An seinem 66. Geburtstag klickten die Handschellen: Andrew wurde gestern festgenommen. © Leal/AFP
London/Sandringham – Kurz nach acht Uhr morgens rollen sechs zivile Polizeifahrzeuge über die Zufahrt zum Landsitz von König Charles III. in der Grafschaft Sandringham. Acht Personen steigen aus, in Zivil. Einer trägt einen Laptop bei sich. Ihr Ziel: Wood Farm, der neue Wohnsitz von Ex-Prinz Andrew. Wenig später wird ein Konvoi fotografiert, der das Gelände wieder verlässt. Kurz darauf wird bekannt: Andrew wurde festgenommen. Es ist sein 66. Geburtstag.
Andrew Mountbatten-Windsor, der wegen seiner Verwicklung in den Fall Epstein bereits den Prinzen-Titel abgeben musste, war durch die jüngste Veröffentlichung neuer Akten zu dem weltumspannenden Skandal noch stärker unter Druck geraten. Neben seiner Festnahme gab die Polizei am Donnerstag auch die Durchsuchung von zwei Grundstücken in England bekannt.
Andrew wird vorgeworfen, in seiner Zeit als britischer Handelsgesandter möglicherweise vertrauliche Berichte an Epstein weitergegeben zu haben. In einer in den Epstein-Akten enthaltenen E-Mail vom November 2010 hatte der damalige britische Handelsgesandte Andrew dem US-Investor offenbar nach einer dienstlichen Asien-Reise Berichte über mehrere von ihm besuchte Länder übermittelt.
Laut einem BBC-Bericht gab Andrew dem US-Finanzinvestor zudem Hinweise zu möglichen Investitionsobjekten, die er auf seiner Reise gesammelt hatte. Britische Handelsgesandte sind laut offiziellen Richtlinien zur Verschwiegenheit über im Zusammenhang mit ihren Reisen erlangte Informationen verpflichtet.
Der britische König Charles III. (77) hat die Nachricht über die Festnahme seines jüngeren Bruders Andrew „mit größter Besorgnis“ zur Kenntnis genommen. „Lassen Sie mich klarstellen: Das Gesetz muss seinen Lauf nehmen“, teilte der König in einer schriftlichen Stellungnahme mit. Die Vorwürfe hatten das Königshaus erneut schwer getroffen. König Charles III. hatte angekündigt, die Polizei bei etwaigen Ermittlungen gegen seinen jüngeren Bruder zu unterstützen. Der König habe seine tiefe Besorgnis über die Vorwürfe hinsichtlich des Verhaltens seines Bruders bereits durch Worte und ein beispielloses Vorgehen deutlich gemacht, sagte ein Sprecher des Palastes vergangene Woche einer Mitteilung zufolge.
Charles III. hatte seinem Bruder wegen des Epstein-Skandals bereits Ende vergangenen Jahres alle Titel und Ehren entzogen, nachdem posthum die Memoiren des Epstein-Opfers Virginia Giuffre erschienen waren. Deren Familie äußerte sich gestern erleichtert: „Endlich, heute wurden unsere gebrochenen Herzen durch die Nachricht getröstet, dass niemand über dem Gesetz steht, nicht einmal die Königsfamilie“, teilten die Geschwister der mittlerweile gestorbenen Giuffre mehreren Medien mit. Andrew sei „nie ein Prinz“ gewesen, heißt es darin weiter.
Premierminister Keir Starmer betonte gestern Morgen in einem Interview mit der BBC, in Großbritannien stehe „niemand über dem Gesetz“. Jeder, der relevante Informationen besitze, sei aufgefordert, vor den zuständigen Stellen auszusagen – ungeachtet von Rang oder Stellung..
Die britische Polizei prüft an mehreren Stellen die Eröffnung von weiteren Ermittlungsverfahren im Kontext des Skandals um Jeffrey Epstein. Die Polizei in Surrey geht mutmaßlichen Hinweisen aus den Epstein-Akten auf Menschenhandel und sexuelle Übergriffe auf eine minderjährige Person nach. Die Essex Police untersucht, ob der US-Sexualstraftäter den Flughafen London-Stansted als Drehkreuz für das Schleusen von Missbrauchsopfern nutzen ließ.
Im Zentrum der Epstein-Affäre in Großbritannien stehen bislang der frühere Prinz Andrew sowie Ex-Minister Peter Mandelson, gegen den die Londoner Polizei wegen des Verdachts der Weitergabe von sensiblen Informationen an den US-Finanzier ermittelt. Im Fall Andrew prüfen die Beamten jetzt auch Hinweise, die nahelegen, dass dessen frühere Personenschützer mutmaßliche Verbrechen nicht gemeldet haben könnten.
Die Surrey Police rief mögliche Zeugen von den mutmaßlichen Verbrechen in den 1990er-Jahren auf, sich zu melden. Die Beamten seien nach der Veröffentlichung der Dokumente aus den Epstein-Akten im Dezember auf einen geschwärzten Bericht aufmerksam geworden, in dem die Vorwürfe erhoben werden. „Wir nehmen alle Meldungen über Kindesmissbrauch und sexuelle Übergriffe sehr ernst“, hieß es in einer Mitteilung.
Am Flughafen Stansted nordöstlich von London geht es um verdächtige Flüge mit Privatmaschinen, die dort angekommen und abgeflogen seien. Das berichtet unter anderem die BBC. Der frühere Premierminister Gordon Brown hatte in einem Gastbeitrag für die Wochenzeitung „New Statesman“ geschrieben, in den Akten enthaltenen E-Mails sei klar zu entnehmen, dass Epstein junge Frauen und Mädchen („girls“) aus Lettland, Litauen und Russland über Stansted einfliegen ließ. Mindestens eines der Opfer habe demnach eine Verbindung zum damaligen Prinzen Andrew gehabt. Auch Britinnen seien an Bord der „Lolita-Express“ genannten Maschinen gewesen. Über die Jahre seien Recherchen der BBC zufolge rund 90 solcher Schleuserflüge von britischen Flughäfen aus gestartet, schrieb Brown.
Auf den Straßen Londons haben viele Briten am Donnerstag mit Zufriedenheit auf die Festnahme des früheren Prinzen Andrew im Zusammenhang mit dem Epstein-Skandal reagiert. „Ich bin hocherfreut“, sagt die Anwältin Emma Carter der Nachrichtenagentur AFP.