Kulturerbe aus dem Kehlkopf

von Redaktion

Direkt aus den Bergen: Die Schweizer Jodel-Gruppe „Silvretta Klosters“ tritt beim Eidgenössisches Jodlerfest auf. © Balzarini/pa

Luzern – Gejodelt wird in den Schweizer Bergen, an den Appenzeller Stammtischen – und an der Hochschule in Luzern. Das Department für Musik ist ein moderner Bau, nicht gerade ein Ort, an dem man die Alpengesänge vermuten würde. Doch aus einem kleinen Hörraum schallen die charakteristischen Jodelklänge. Hier probt die Studentin Daria Occhini. Die 25-Jährige studiert im Master „Jodel“. Richtig gelesen: An der Hochschule in Luzern kann man im Hauptfach Jodel studieren. In Luzern und in der restlichen Schweiz erlebt die volkstümliche Musik gerade einen Aufschwung.

„Zu mir hat das Jodeln schon immer gehört“, erzählt Daria Occhini, die aus der Region Bern stammt. „Ich bin in einer Familie groß geworden, in der immer gejodelt wurde.“ Nach der Schule dachte sie sich: Wenn ich studiere, dann am besten meine beiden Leidenschaften. Singen und Jodeln. Das Studium befähigt dazu, Jodeln auf verschiedenen Schulstufen zu unterrichten.

Perfektion ist gefragt. Im Einzelunterricht werden die Stimmen trainiert, die verschiedenen Stile und die Geschichte des Gesangs stehen auf dem Lehrplan. Einige der Lieder, mit denen sich Occhini in ihrer Masterarbeit befasst, stammen aus den 1940er-Jahren. „Die Texte in den Liedern sind anders als heute, war ja auch eine andere Zeit. Akustisch hat sich aber nichts verändert.“

Altmodisch findet die Studentin Jodeln nicht. Selbst auf Partys komme sie mit ihrer ungewöhnlichen Studienwahl gut an. „Wenn ich erzähle, was ich studiere, reagieren die Leute immer überrascht“, sagt sie, „und sie finden es cool!“

Jodeln gehört für viele zur Schweiz wie die Berge, der Käse oder die Schokolade. Der Jodel ist ein textloser Gesang, bei dem zwischen tiefer Bruststimme und Falsett gewechselt wird. Die Falsettstimme erzeugt eine hohe, hauchige Stimmlage. Verwendet werden beim Jodeln bedeutungsfreie Silben. In der Schweiz sind das oft die Laute „jo“, „lo“oder „lu“, zwischen denen schnell hin und her gewechselt wird. Das ist der klangtypische Kehlkopfschlag. In der Eidgenossenschaft ist der Gesang meist länger als in Österreich oder Bayern. Musiker unterscheiden zwischen Naturjodel nur aus Melodien ohne Text und Jodelliedern, die Jodel-Refrains und gesungenen Text beinhalten.

Gejodelt wird im Alpenraum schon seit hunderten Jahren. Auf wen der Brauch zurückgeht, ist nicht eindeutig geklärt. Die verbreitetste Erklärung ist, dass sich Hirten so zwischen weit entfernten Alpenweiden verständigten. Fest steht, dass sich bereits 1910 in Bern der Eidgenössische Jodlerverband gründete. Den Dachverband gibt es heute noch.

Im Dezember hat der Alpengesang in der Schweiz die höchste Auszeichnung bekommen, die für kulturelle Ausdrucksformen möglich ist: einen Platz auf der Unesco-Liste für immaterielles Kulturerbe. Vor knapp zwei Jahren hatte eine Schweizer Bundesbehörde die Kandidatur eingereicht. Die Auszeichnung ist der Ritterschlag für jede kulturelle Überlieferung; auf der Liste stehen auch das Yoga in Indien oder das Wassermanagement-System von Augsburg.

Die Freude in Luzern ist riesig. Nadja Räss, Professorin für Jodel, und ihre Studierenden standen mitten in der Nacht auf, um die Entscheidung des Unesco-Komitees im indischen Neu-Delhi live mitzuverfolgen. Räss ist seit 2018 Jodel-Professorin in Luzern. „Ich habe schon als Kind gejodelt. Das Virus hat mich nie losgelassen“, sagt sie. Die Musikerin half bei der Unesco-Bewerbung maßgeblich mit. „Das war sehr viel Arbeit.“ Bei der Auszeichnung gehe es nicht nur um Bewahrung, sondern auch um das „Weitertragen des Feuers“.

Gejodelt wird in der Schweiz nicht nur auf dem Land. „In Städten wie Zürich gibt es Jodel-Stammtische – und auch Jugendchöre boomen“, sagt Räss. Musikerinnen wie Melanie Oesch füllen große Konzerthallen, auf Instagram hat sie knapp 80.000 Follower. Der Eidgenössische Jodlerverband hat mehr als 12.000 Mitglieder, über 710 Gruppen sind unter dem Dach des mächtigen Verbands organisiert. Solche Strukturen gibt es in Bayern nicht (siehe Interview unten).

Auch das Jodeln geht mit der Zeit. In der Schweiz gibt es einen schwulen Jodlerclub und einen feministischen Jodelchor. Die Frauengruppe „Echo vom Eierstock“ führt traditionelle Jodel-Melodien mit modernen Texten auf. Das „Jodel-Virus”, wie Räss den Trend nennt, hat das Klischee des verstaubten Alm-Öhis überwunden. „Die Szene wächst und die Kultur ist so lebendig.“

Warum ist das Jodeln so beliebt? „Es ist so vielseitig“, sagt Daria Occhini. „Und wie jede Musikrichtung hilft auch das Jodeln, Emotionen zu verarbeiten. Es tut einfach nur gut.” Grundsätzlich könne jeder den Gesang erlernen, ergänzt Räss. „Es sind beim Jodeln viele Muskeln beteiligt, aber die kann man trainieren.“

Mit der Unesco-Auszeichnung soll das Jodeln in der Schweiz noch populärer werden. Beim Projekt „Jodelndes Klassenzimmer“ kamen bereits Schulkinder mit dem Gesang in Berührung. „Ich hoffe“, sagt Nadja Räss, „dass in 20 Jahren der Jodel-Unterricht eine Selbstverständlichkeit sein wird.“

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