INTERVIEW

„Das wird erst der Anfang gewesen sein“

von Redaktion

Der Informatiker Björn Ommer hat an der LMU eines der ersten KI-Modelle weltweit ins Leben gerufen

Björn Ommer © Haas/pa

München – Sogenannte generative KI-Modelle erstellen auf der Basis riesiger Datenmengen neue, oft originelle Texte, Bilder, Musik, Videos – oder sogar Programmcodes. Der Münchner Informatik-Professor Björn Ommer gehört zu den bekanntesten KI-Forschern Deutschlands. Er leitet an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) eine Forschungsgruppe, die mit „Stable Diffusion“ einen der ersten Bildgeneratoren weltweit ins Leben gerufen hat. Im Interview erklärt der Experte, wie weit die Technologie inzwischen ist.

Herr Ommer, Sie gehören zu den Pionieren generativer KI-Modelle. Dass das Netz nun mit KI-Schrott geflutet wird, hatten Sie bei der Entwicklung vermutlich nicht im Sinn.

Nein, sicherlich nicht. Wie bei früheren Technologien verbreiten sich zunächst die billigen, leicht multiplizierbaren Anwendungen. Die wirklich wertvollen, gesellschaftlich relevanten Einsatzfelder brauchen mehr Aufwand und Zeit. Wir sollten uns da nichts vormachen: Beides wird parallel existieren.

Bereitet Ihnen das Sorgen?

Natürlich. Es gibt viele Herausforderungen, über die wir nachdenken müssen. Generative KI wirkt wie ein Vergrößerungsglas – sie macht bestehende Probleme sichtbarer. Die Hausaufgaben, die wir zuvor nicht gemacht haben, etwa bei den Sozialen Netzwerken, werden jetzt umso dringlicher. AI Slop würde nicht viral gehen, wenn wir nicht diese Aufmerksamkeitsökonomie geschaffen hätten.

Aber anscheinend fasziniert es Menschen, einen Donald Trump an einer Pole-Dance-Stange zu sehen.

Solche Inhalte gingen schon vor der Zeit der KI viral – rein menschengemacht. Jetzt, wo sie sich noch schneller automatisch erzeugen lassen, passiert das natürlich umso mehr.

Was haben wir von dieser Entwicklung?

Generative KI wird zu einer Brot-und-Butter-Technologie, die nahezu alles ermöglichen wird, was wir künftig digital tun. Meine Hoffnung ist, dass sich Menschen stärker auf das konzentrieren können, worin sie wirklich gut sind – und womit sie sich von der Maschine absetzen.

Was sagen Sie den Menschen, die wegen KI ihren Job verlieren?

Wir erleben tiefgreifende Veränderungen – und das bereits jetzt. Der Journalismus etwa wird sich transformieren, aber KI wird ihn nicht ersetzen. Im Gegenteil: Wenn künstlich erzeugte Bilder auftauchen, will man wissen, ob sie echt sind. Dafür braucht es Recherche, Einordnung, Menschen vor Ort. Das kann kein Computer übernehmen.

Trotzdem konsumieren die Menschen immer mehr KI-Inhalte.

Die Frage ist, ob das ewig so weitergeht. Wenn immer mehr beliebiger Content entsteht, wird es auch Gegenbewegungen geben. Menschen gehen heute wieder massenhaft zu Konzerten – so viele, dass sie angeblich Erdbeben auslösen. Warum tun sie das, obwohl sie zu Hause ein perfektes Soundsystem haben? Offenbar schätzen wir das Original – vielleicht künftig noch mehr, wenn der Rest immer beliebiger wird.

Sie haben den Stand von KI mit der Massenproduktion des Autos verglichen. Wie weit sind wir? Müssen wir noch kurbeln – oder haben wir schon Servolenkung, vielleicht sogar E-Autos?

Der Stand ist extrem fortgeschritten. Wir haben in sehr kurzer Zeit enorme Fortschritte gemacht – diese Technologie ist gerade einmal rund drei Jahre alt. Vergleichen Sie das mit Telefon, Auto oder Internet: Dort dauerte es Jahrzehnte, bis sie sich durchgesetzt hatten. Heute erreichen einzelne Tools fast eine Milliarde Nutzer in wenigen Jahren – das gab es noch nie. Und trotzdem: Wenn wir eines Tages zurückblicken, wird das erst der Anfang gewesen sein. Noch gibt es viele Probleme, etwa das „Halluzinieren“ von Sprachmodellen wie ChatGPT, die Dinge behaupten, die nicht stimmen. Ich hoffe, dass wir das bald überwinden. Das Auto kann schon viel, aber es fährt noch nicht von selbst.

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