Die tiefe Krise der Königshäuser

von Redaktion

Enfant terrible: Marius Hoiby droht eine lange Haftstrafe.

Haben sich nicht mehr viel zu sagen: König Charles III. (re.) und sein Bruder Andrew. © pa

Das von der US-Justiz veröffentlichte Foto zeigt Ex-Prinz Andrew gebückt über einer am Boden liegenden Frau. © pa

Mit Krone, Zepter und Reichsapfel: König Charles III. sagte der Polizei im Epstein-Skandal seine Unterstützung zu. Kleines Bild: Jeffrey Epstein. Er nahm sich in der Haft das Leben. © pa

London – Prinz William ist not amused: Als er bei der Verleihung der britischen Filmpreise gefragt wird, ob er das vielfach ausgezeichnete Drama „Hamnet“ gesehen habe, antwortet er: „Ich muss in einem ziemlich ruhigen Zustand sein, und das bin ich im Moment nicht.“ Er spare sich den Film auf. Mehr sagt er zur Causa Andrew nicht. William gilt als größter Gegner Andrews und weiß um den Schaden, den er für die Monarchie angerichtet hat und noch anrichten wird.

Am Donnerstag war der Ex-Prinz infolge der Epstein-Enthüllungen festgenommen und mehrere Stunden festgehalten worden. Er soll als Handelsgesandter Großbritanniens vertrauliche Berichte an den verurteilten Sexualstraftäter Epstein weitergegeben haben. Der Skandal sucht in der Geschichte Großbritanniens seinesgleichen. Von allen Ämtern, Titeln und Ehrungen entbunden, verbrachte er seinen 66. Geburtstag auf einer Polizeiwache, während die Ermittler mehrere Anwesen durchsuchten.

Die Angelegenheit werfe „fundamentale Fragen für die Institution der Monarchie auf“, sagt der Verfassungsexperte und Royal-Kenner Craig Prescott von der Londoner Universität Royal Holloway. Bislang lautet der Verdacht lediglich auf Fehlverhalten im öffentlichen Amt. Doch eines der Epstein-Opfer, Virginia Giuffre, die sich letztes Jahr das Leben nahm, hatte Andrew vorgeworfen, sie als Minderjährige missbraucht zu haben. Er streitet das weiter vehement ab, obwohl er ihr Millionen zahlte.

Sollte gegen Andrew Anklage erhoben werden, könnte es für das Königshaus äußerst peinlich werden, glaubt Prescott. Es droht ein öffentlicher Prozess vor einem Geschworenengericht. Dass König Charles III. (77) in den Zeugenstand müsste, hält er aber für ausgeschlossen.

Möglich wären aber Vernehmungen von Palastmitarbeitern. Wer hat was mitbekommen von Andrews Treiben? Dabei könnte so manches ans Tageslicht kommen, was die Royals lieber für sich behalten würden. Viel tun können sie dagegen jedoch nicht. „Sie werden damit letztlich leben müssen“, sagt Prescott. Ersparen könne Andrew das dem Königshaus, wenn er im Fall einer Anklage auf schuldig plädiere.

Seit Jahren wird spekuliert, König Charles könne eines Tages wie andere europäische Monarchen das Zepter an seinen ältesten Sohn William weiterreichen. Laut Prescott könnte die Affäre um Andrew das wahrscheinlicher machen. Doch er gibt zu bedenken, dass es dem König bislang einigermaßen gut gelungen sei, Schaden von sich abzuwenden.

Der nächste Schritt könnte nun sein, dass Andrew aus der Thronfolge ausgeschlossen wird. Dort nimmt er immerhin noch den achten Rang ein. Weil der britische Monarch jedoch nicht nur britisches Staatsoberhaupt ist, sondern auch an der Spitze von 14 weiteren Commonwealth-Nationen steht, ist dafür die Zustimmung aus all diesen Ländern notwendig. Australien und Neuseeland signalisierten bereits die Bereitschaft mitzuziehen.

Julia Melchior ist Königshaus-Expertin beim ZDF. Sie sagte gegenüber unserer Zeitung: „Charles muss seinen Worten Taten folgen lassen und die Aufklärung unterstützen. Für dieses Königshaus, das in seiner Historie nie oder kaum Einblicke zuließ, ist das ein großer Schritt zu einer neuen Palastpolitik. Es muss mehr Transparenz gelebt werden.“

Auch das norwegische Königshaus hat der Epstein-Skandal längst eingeholt: Die Beliebtheit ist auf einen Tiefstand gefallen. Nur 60 Prozent der Norweger äußerten sich in einer aktuellen Umfrage positiv über die königliche Familie, wie der Sender NRK am Samstag meldete. Dies ist ein Rückgang um zehn Prozentpunkte gegenüber dem Vormonat und der niedrigste Wert überhaupt.

Ende Januar war bekannt geworden, dass Kronprinzessin Mette-Marit jahrelang Kontakt zu Epstein pflegte und mindestens tausendmal in den Ermittlungsakten vorkommt. Bereits Ende Januar hatte in einer Umfrage jeder Zweite die Ansicht vertreten, Mette-Marit solle jetzt nicht mehr Königin werden. Nur knapp 29 Prozent der Befragten wollten die 52-Jährige noch als Königin.

Was das norwegische Königshaus zusätzlich belastet, ist der Prozess gegen Marius Hoiby (29), Sohn der Kronprinzessin aus einer früheren Beziehung. Ihm wird vorgeworfen, mehrere Frauen vergewaltigt und seine Ex-Freundin geschlagen zu haben. Hoiby hat im Prozess zugegeben, regelmäßig Alkohol und Kokain konsumiert zu haben. Das Verfahren soll noch bis zum 13. März laufen. Ihm droht eine lange Haftstrafe.

Sind die Monarchien auf dem absteigenden Ast? „Wenn man aktuell auf Großbritannien und Norwegen schaut, könnte man das meinen“, sagt Melchior. „Am Ende ist es aber das Verhältnis von Kosten und Nutzen, das darüber entscheidet. Dabei geht es nicht nur um harte Fakten und finanzielle Fragen, sondern auch um schwer messbare Werte“, so die Expertin. „Solange die Länder von der Staatsform der Monarchie profitieren – und das ist in den parlamentarischen Monarchien in Europa der Fall –, werden sie auch fortbestehen.“

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