Ein Nazi taucht in Grünwald unter

von Redaktion

Gefälschte Papiere: Vermutlich als „Jakob Schramm“ gelangte Hans Fischböck nach Argentinien.

Grünwald zur Nazizeit: In der Ortsmitte der Marktplatz mit dem Kriegerdenkmal. © Sammlung Georg Köglmeier

Hans Fischböck beim Tanzen mit seiner Lebensgefährtin in Buenos Aires. Das kleine Bild zeigt ihn jünger. Daneben das beflaggte Grünwalder Gemeindehaus an der Tölzer Straße in der Nazizeit. Die Beflaggung war damals Pflicht. © United States Holocaust Memorial Museum

Grünwald – Er nannte sich Werner Glaser, Dr. Werner Glaser, um genau zu sein. Angeblich war er 1895 in München geboren und von Beruf Kaufmann und Wirtschaftsprüfer. Doch nur das Geburtsjahr stimmte, aber das wusste man Anfang 1946 im Grünwalder Rathaus nicht. In den ersten Nachkriegsmonaten hatte niemand Zeit, Lebensläufe akribisch zu prüfen. Man war froh, wenn einer mit anpackte beim Wiederaufbau. Und das tat Dr. Glaser auch. Er kümmerte sich um die Vorbereitung der Gemeindewahlen Ende Januar 1946, wurde zum Kümmerer in der Gemeindeverwaltung und übernahm 1949 die Geschäftsführung der kommunalen Baugenossenschaft. Er lebte im Forsthaus Wörnbrunn, dann in einem neu gebauten, heute abgerissenen Mehrfamilienhaus am Oberhachinger Weg.

Bis ein gutes Jahr später, Ende 1950, im „Isar-Anzeiger“ unter der Überschrift „Unter falschem Namen“ bekannt gegeben wurde, dass es sich bei Glaser in Wahrheit um den ehemaligen österreichischen Minister und NS-Staatskommissar in Holland, Dr. Fischböck, handele, der nun aus Grünwald verschwunden sei.

Die Vorgeschichte

Dr. Fischböck – als die Münchner Historikerin Susanne Meinl den Namen bei Recherchen zur Chronik über die Gemeinde Grünwald in der NS-Zeit las, kam ihr ein Buch des Holocaust-Überlebenden Simon Wiesenthal in den Sinn. Der Wiener Nazijäger hatte darin berichtet, wie er Fischböck Mitte der 1960er-Jahre in Essen aufspürte. Eine NS-Größe, die in Wien maßgeblich an der Ausplünderung der jüdischen Stadtbevölkerung beteiligt gewesen war und in Holland Deportationen niederländischer Juden ins Vernichtungslager Sobibor in die Wege leitete. Dass er zuvor aber mehrere Jahre in Grünwald gelebt hatte, war bisher unbekannt.

Das Buch

Mehrere Jahre Recherche stecken in Meinls Werk, das heute Abend bei einem Festakt vorgestellt wird. Grünwald – das kennt man heute als Steueroase und als Filmmetropole. In den Bavaria-Filmstudios entstanden Klassiker wie „Raumschiff Orion“ oder „Das Boot“. Aber der kleine Ort mit rund 4000 Einwohnern (1946) hat auch eine NS-Vergangenheit, die in dem Mammutwerk auf über 1300 Seiten in zwei Bänden aufgeblättert wird. Revolution, Aufstieg der NSDAP, Pläne für eine Reichsführerschule, NS-Propaganda in der Filmindustrie – all das wird erschöpfend und mit vielen Originalfotos abgehandelt. Ein Kapitel widmet sich Dr. Hans Fischböck.

„Finanzgenie“

Der in Wien geborene Jurist hatte sich im Österreich der 1920-/30-Jahre rasch den „Ruf eines Finanzgenies“ erarbeitet. Politisch deutschnational und antisemitisch, schlug seine Stunde 1938, als Österreich dem Deutschen Reich angegliedert wurde. Der damals schon in NS-Kreisen bekannte Fischböck avancierte zum Wirtschafts-, Finanz- und Handelsminister. Nach dem Pogrom im November 1938 wurde unter Mitwirkung von Fischböck die infame „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ beschlossen. Wobei sich Fischböck im Beisein von Hermann Göring, Reichswirtschaftsminister Walter Funk und Propagandachef Joseph Goebbels mit Vorschlägen hervortat, wie man die Juden möglichst umfassend enteignen könne. „Diensteifriger Technokrat der Arisierung“, so nennt ihn Historikerin Meinl.

Weitere Karriere

1940 wechselte Fischböck nach Holland, wurde Generalkommissar für Finanzen und Wirtschaft. Juden, die nicht hohe Geldsummen aufbrachten, kamen in Vernichtungslager – Meinl spricht von „staatlich organisiertem Menschenhandel“. Später wurde er auch noch Reichskommissar für Preisbildung und übernahm gegen Kriegsende zudem eine führende Aufgabe unter Rüstungsminister Albert Speer.

Die Flucht

Wie konnte so ein hoher Nazi einfach untertauchen? Bei der Rekonstruktion des Fluchtweges konnte Meinl auf Papiere zurückgreifen, die Fischböcks Enkel, ein Anwalt aus Buenos Aires, dem United States Holocaust Museum in Washington übergeben hat. Darunter falsche Identitätspapiere, die sich Fischböck offenbar über alte NS-Seilschaften, teils auf dem Schwarzmarkt besorgt hatte. Spätestens 1949 hatte er eine Identität als Jakob Schramm. Während ihn die Amerikaner als Kriegsverbrecher suchten, organisierte Fischböck seine Flucht über die sogenannte „Rattenlinie“. Ende Januar 1951 schiffte er sich in Genua nach Buenos Aires ein. Seine Lebensgefährtin folgte. In Argentinien heuerte Fischböck in der Firma eines ehemaligen SS-Offiziers an und ließ sich 1958 als „Juan Carlos Christian Fischböck“ sogar einbürgern. Damit war er faktisch vor der Justiz geschützt – denn Argentinien lieferte seine Staatsbürger nicht aus, auch wenn sie vormals Deutsche waren und wegen Kriegsverbrechen gesucht wurden. So geschützt, reiste Fischböck mehrmals nach Deutschland und Österreich – der Nazi urlaubte gern, zum Beispiel im damals schon mondänen Kitzbühel.

1965 machte der Fall erstmals Schlagzeilen. Ein niederländischer Journalist, selbst Holocaust-Überlebender, enthüllte Fischböcks NS-Karriere. Der Nazijäger Simon Wiesenthal heftete sich an seine Fersen, spürte ihn in Essen auf. Doch noch während der Ermittlungen starb Fischböck überraschend im Juni 1965 in Marburg. In der „Welt“ erschien eine mysteriöse Todesanzeige. „Wir haben ihn sehr verehrt und geliebt. In unseren Herzen wird er so weiterleben, wie er in Wahrheit war. Seine Freunde“. Wer die Anzeige aufgegeben hat, ist unbekannt.

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