Vom Liebling zum Leviten-Leser

von Redaktion

Jährliches Spektakel: Das Politiker-Derblecken wird am Mittwochabend ab 19 Uhr im BR übertragen. © Bodmer

Der Neue auf der Kanzel: Stephan Zinner sorgte als Double 15 Jahre lang dafür, dass sich Markus Söder (li.) freuen konnte. Jetzt wird er Fastenprediger, wie seine Vorgänger (u.) Luise Kinseher und Maxi Schafroth. © Schmidt, Schlaf, dpa (2)

München – Immerhin: Dreißig Sekunden hat Stephan Zinner drüber nachgedacht. „Ich stand im Keller und hab Wein eingeräumt“, erzählt er. „Und über dem Regal hängt meine alte Perücke vom Singspiel. Es wäre schon eine Option gewesen, die Rede als Söder zu halten, aber: naa! Ich gehe unkostümiert hinters Pult, es wird eine ganz normale Salvator-Rede.“

Ganz normal – von wegen. Nie zuvor ist ein Neuzugang auf der Nockherberg-Kanzel mit so viel Spannung und Vorfreude erwartet worden. Zinner ist wegen seiner Rolle als Metzgermeister Simmerl in den „Eberhofer“-Filmen mittlerweile deutschlandweit bekannt – vor allem aber war er 15 Jahre lang gefeiertes Söder-Double beim Nockherberg-Singspiel.

Der 51-Jährige kennt diese Bühne wie kein anderer. Hier vergoss er 2007 als Generalsekretär Krokodilstränen beim Abgang von Ministerpräsident Edmund Stoiber. Er schmetterte 2011 als Umweltminister „O Söder mio“. Und er richtete 2018 als „El Marco“ in Wildwestmanier den Colt auf Sheriff Horst Seehofer. Zinner war Sklave, Schnösel, Samurai. Und mancher war davon überzeugt, dass Söders Beliebtheit sich auch darauf zurückführen ließ, dass die Wähler offenbar glaubten, der Franke sei wirklich so, wie Zinner ihn darstellte: selbstverliebt, hinterfotzig – aber ziemlich cool.

Cool geben sie sich auch an diesem Donnerstagvormittag. Die Singspiel-Autoren Richard Oehmann und Stefan Betz merken bald, dass die versammelte Presse im Wirtshaus am Isar-Hochufer sich offenbar nur für einen interessiert: den Prediger. Also stichelt Oehmann ein wenig: „Du hast es schwerer als wir. Du hast es viel, viel schwerer. Du kannst es, klar. Aber sobald auf der Bühne unser Stück beginnt, können wir im Grunde nix mehr falsch machen. Du schon noch.“ Da schreitet Paulaner-Sprecherin Birgit Zacher ein: „Macht’s eahm fei koa Angst!“ Das kreative Trio grinst sich eins. „Angst? Habe ich nicht“, beteuert Zinner.

Dabei gäbe es Grund dafür. Denn hinter der Kanzel gelten andere Gesetze. „Das muss man aushalten“, meint Luise Kinseher dieser Tage vielsagend am Telefon. „Diese Erfahrung kann man vorher nicht sammeln, die gibt’s nur auf dem Nockherberg.“ Als Mama Bavaria derbleckte sie von 2011 bis 2018 – und erntete 2016 eisige Reaktionen. Es hagelte Politiker-Beschwerden beim Gastgeber Paulaner. Heute kann sie drüber lachen.

An den Nockherberg werden mittlerweile Erwartungen gestellt, die sich kaum unter einen Hut bringen lassen. Die Öffentlichkeit fordert vom Derblecken ein satirisches Feuerwerk. Gleichzeitig zeigen sich die Politiker immer dünnhäutiger. Das findet auch Zinner. „Wenn man die an der falschen Stelle erwischt – da wird’s im Saal plötzlich kühler.“

Jahrzehntelang war ehernes Nockherberg-Gesetz: Schlimmer als derbleckt zu werden, ist nur, gar nicht vorzukommen. Dann kamen Redner von der Abteilung Attacke: 2007 Django Asül, 2008 Michael Lerchenberg in der Rolle eines messerscharf moralisierenden Mönchs. Luise Kinsehers Nachfolger Maxi Schafroth trat dann als Allgäuer Jungbauer auf, gewissermaßen mit CSU-Stallgeruch. Aber der beharrlich kichernde Frischling lief bei den Großkopferten mit dem Lockenkopf gegen die Wand. Nur mit einem Satz begeisterte er sie: In anderen Ländern wäre er schon abgeführt worden für das, was er hier sage. „Und hier sitzen die Großen in der ersten Reihe und lassen sich abwatschen. Das ist wahre Größe!“ Die Größe zeigte die veranstaltende, CSU-nahe Schörghuber-Gruppe vergangenes Jahr nicht mehr: Für Schafroth war Schluss, Zinner darf jetzt ran.

Und er lässt sich nicht bange machen: „Mich würde freuen, wenn wir wieder dahin kommen, wo wir vor Jahrzehnten waren, und das ein bisschen sportlicher nehmen. Wir derblecken, und dann trinken wir eine Halbe zusammen. Davon lebt doch die Veranstaltung.“

Zinners ursprünglich vorgesehener Co-Autor Thomas Lienenlüke fiel krankheitsbedingt aus – auf Empfehlung von Kabarettisten-Kollege Wolfgang Krebs springt Martin Zeltner für ihn ein. „Das ist sehr spannend“, sagt Zinner. „Im eigenen Saft schmoren, wie das etwa Bruno Jonas so gut konnte, das wäre nichts für mich.“ Seine Erfahrung, glaubt er, kommt ihm bei seiner Rede schon zugute. „Es gibt vier, fünf Räume auf der Welt, wo du kein Kabarett machen solltest – einer davon ist der Nockherberg-Festsaal. Die Akustik katastrophal, das Licht eigenartig, dann kommt noch ein Hund, der nach einer Bombe sucht.“ Das zu kennen, könne helfen. „Aber letztlich ist es auch tagesformabhängig. Von mir, aber auch von denen unten im Saal.“ Eines werde er jedenfalls ganz sicher nicht haben: Beißhemmung gegenüber Markus Söder. „Alle werden gleichermaßen bedacht.“

Luise Kinseher kann es gelassen sehen. „Ich habe den besten Job von allen.“ Sie wird wieder in die Rolle der Begrüßerin schlüpfen. „Da freut sich jeder, wenn er dich sieht.“ Sie glaubt aber: „Der Stephan ist mit seinem Charme die Idealbesetzung.“ Und heuer sei die Situation eine gänzlich andere: „Bei Maxi war die CSU noch in der Opposition. Jetzt stellt sie drei Bundesminister, sitzt fest im Sattel. Auch wenn sich der Stephan zehnmal mehr erlaubt als der Maxi – sie werden ihn nicht arg kritisieren.“

Zinner jedenfalls hat seine Rede fertig, „wenn nicht noch was Gravierendes passiert bis Mittwoch“. Bis dahin kann er ruhig schlafen – denn eine Kritikerin hat er schon überzeugt: „Meine Tochter hat eine Seite gelesen. Und gesagt: ,Jo mei.‘ Sie ist 16, das ist ein brutales Lob.“

Artikel 4 von 4