Das Logo der Mühle. © Schlaf
Die Kunstmühle Blum an der Neuturmstraße sieht von außen aus wie ein Wohnhaus. © Schlaf
Valentin Blum zeigt Semmeln aus der hauseigenen Bäckerei. © Schlaf
Vollkornmehl füllt Valentin in eine spezielle Mühle. © schlaf
Die über 100 Jahre alten Maschinen in der Weizenmühle stehen inzwischen unter Denkmalschutz. © Schlaf
Zwischen den historischen Mahlwerken sind Stefan Blum (65) und sein Sohn Valentin (22) zu Hause. © Marcus Schlaf
München – Es wummert und dröhnt, während Valentin Blum die steilen Stiegen im ehrwürdigen Haus an der Neuturmstraße 3 hochspringt. Acht Walzenstühle stehen in der zweiten Etage. 35 Tonnen Weizen verschlingen sie jeden Tag. 16 Mal wandert das Getreide in einem geschlossenen System zwischen den vier Etagen der Hofbräuhaus-Kunstmühle hoch und runter. Zwischen den Mahlwalzen und den Siebmaschinen. Von Mahlgang zu Mahlgang wird das Mehl heller, bis im obersten Stockwerk feinstes, weißes Mehl in 25- oder 50-Kilo-Säcke eingefüllt wird. Über die metallene Rutsche sausen die Säcke ins Erdgeschoss, werden auf Lastwagen oder ins Lager gepackt.
Altehrwürdiges Handwerk mitten in der bayerischen Landeshauptstadt, keine 200 Meter vom Prachtboulevard Maximilianstraße entfernt. Es ist wie ein kleines Wunder. Im Westen grenzt die Mühle an das weltberühmte Hofbräuhaus, im Süden an ein Luxushotel. Früh am Morgen, ab 4 Uhr, liefern Bauern Getreide aus der Region an. Dass die Mühle noch immer sechs Tage die Woche Getreide mahlt, verdankt sie dem Denkmalschutz – und der Begeisterung der Familie Blum.
Der 22-jährige Valentin strahlt, wenn er mit Vater Stefan (65) durch die Räume geht. Seinem wachen Blick entgeht nichts: Hier rieselt etwas Mehl aus einem Schlauch, dort ist ein Sack nicht fest verschlossen. Valentin kümmert sich darum. Er weiß auch, wie die Maschinen klingen müssen. Der junge Müllerssohn hat längst seine Ausbildung zum Müller absolviert, ist sogar Meister und im Umgang mit den über 100 Jahre alten Maschinen geschult.
„Erst einmal eine Ausbildung machen“, sagte sich Valentin nach dem Abi. „An Autos rumschrauben oder an Uhren“, das hätte ihm auch getaugt. Aber nachdem er in der Mühle groß geworden war, lag es nahe, eine Lehre zum Müller zu machen. Seine Freunde fanden’s cool, dass einer nicht studiert und was ganz anderes macht. Druck vom Vater gab es keinen. Umso mehr sieht man die Freude in dessen Augen, wenn er mit seinem Sohn in der Mühle schafft.
Für Valentin war die zweijährige Ausbildung ein Kontrastprogramm zum Schülerleben. Wenn er Schichtdienst hatte, musste er schon mal um 4.30 Uhr aufstehen. Ehrgeizig ist er, hängt sich richtig rein. Mit Erfolg: Er wird 2023 bester Nachwuchsmüller Deutschlands, Platz eins beim „Mühlen-Masters“. Dann hängt er die sechsmonatige Meisterschule an und absolviert noch eine Technikerausbildung in St. Gallen in der Schweiz. „Der Valentin hat Mehl im Blut“, sagt Josef Rampl, Geschäftsführer des Bayerischen Müllerbunds. „Der bleibt Müller“, ist er überzeugt.
Dass die relativ kleine Kunstmühle Blum gut läuft, liegt laut Rampl am Geschäftskonzept. Sie produziert nicht nur rund 3000 Tonnen Mehl im Jahr, zum Betrieb gehören auch eine Bäckerei und ein Mehlladen. Beliefert werden neben Bäckereien auch viele Pizzerien im Großraum München, die aus der Kunstmühle spezielles Pizzamehl mit einem höheren Klebeanteil bekommen. Ein Pizzabäcker kommt sogar regelmäßig aus der Slowakei angefahren, um sich mit dem guten Pizzamehl aus München einzudecken. Jeden Freitag gibt es Führungen durch die Mühle. Die Blums bieten zudem Backkurse für Strudelteig, Brezen oder Schüttelbrot an.
Damit sich Valentin, der die Familientradition in fünfter Generation fortführen möchte, gut für die Aufgabe der Zukunft gerüstet sieht, studiert er Jura. Hier lerne er, geschäftliche Risiken und Probleme anders einzuschätzen, sagt er. An der Uni habe er gleich Freunde gefunden, die auch vorher schon etwas anderes gelernt hatten. „Wir pushen uns alle gegenseitig“, sagt er und grinst.
Valentin, der zwei Brüder und drei Schwestern im Alter zwischen 20 und 43 Jahren hat, wohnt jetzt wieder daheim. Pendelt zwischen Unibibliothek und Mühle. Valentin liebt Brot. Den Geruch, den Geschmack. Einfach so, mit ein wenig Butter. Am liebsten isst er das Vollkornbrot „Saaten-Liebe“ oder das Baguette. In der Ausbildung hat er viel gebacken. „Ich muss ja wissen, worauf es beim Mehl ankommt.“
Die Mühle zu verkaufen, ist den Blums nie in den Sinn gekommen. „Wenn man den Müllerberuf gelernt hat, ist das so tief mit einem verbunden, dass man gar nichts anderes machen will“, sagt der 22-Jährige fast ein wenig pathetisch. Die Kunstmühle ist Familiengeschichte. Der Lärm, der Staub – für Valentin gehört das zu seinem Leben. „Ich finde das Geräusch so schön, diese gewisse Grundschwingung im Haus.“ Die Zukunft der letzten produzierenden Mühle in München ist gesichert.