Ein britischer Soldat steht nach dem Drohnenangriff am Tor des Stützpunkts Akrotiri Wache. Die Karte zeigt beide britischen Stützpunkte auf Zypern: Akrotiri (bei Limassol) und Dhekelia. © AFP
München – Um genau drei Minuten nach Mitternacht zerreißt eine Explosion die Stille von Akrotiri. „Wir hörten einen gewaltigen Knall. Die Sirenen heulten ununterbrochen“, zitiert eine zypriotische Lokalzeitung einen Anwohner. Die Dorfbewohner werden aufgefordert, in ihren Häusern zu bleiben, Abstand von den Fenstern zu halten und sich unter Möbeln zu verstecken. Doch viele fliehen – im Schlafanzug, ohne Handy, ohne Papiere. Hauptsache weg.
Akrotiri ist ein Dorf mit 900 Einwohnern im Süden Zyperns, umgeben von Olivenhainen und Meer. Hier gibt es einen kleinen Hafen, ein paar antike Klöster – und eine britische Militärbasis. In der Nacht auf Montag schlägt dort eine iranische Drohne vom Typ Shahed ein. Die Terrormiliz Hisbollah bekennt sich und erklärt, sie habe die Drohne vom Libanon aus gestartet. Verletzt wird niemand. Stunden später werden zwei weitere Drohnen abgefangen.
Zyperns Präsident Nikos Christodoulides versucht kurz darauf, die Lage zu entschärfen. Er wolle klarstellen, dass sein Land „in keiner Weise“ an der Krise im Nahen Osten beteiligt sei. Doch ob er will oder nicht – der Krieg ist auf der Mittelmeerinsel angekommen. Und damit auch in Europa.
Zypern ist seit 2004 EU-Mitglied, derzeit hält es die Ratspräsidentschaft inne. Eigentlich sollte am Montag und Dienstag ein EU-Ministertreffen stattfinden. Das wurde nun abgesagt.
Akrotiri ist ein Sonderfall. Geografisch liegt die Basis auf zypriotischem Boden, doch völkerrechtlich gehört sie zu Großbritannien – das seit sechs Jahren nicht mehr zur EU zählt. Gleiches gilt für die rund 100 Kilometer entfernte Militärbasis Dhekelia. Nur wenige Stunden vor dem Drohneneinschlag hatte Premierminister Keir Starmer den USA erlaubt, die britischen Stützpunkte auf der Insel zu nutzen – für rein defensive Zwecke.
In der EU wächst die Nervosität. Unklar ist, gegen wen sich der Angriff konkret richtet: London, Brüssel, den Westen insgesamt? Knifflig wird es vor allem, wenn das nächste Ziel keine Militärbasis ist – sondern die zivile Infrastruktur auf Zypern. Denn Artikel 42 Absatz 7 des EU-Vertrags sieht eine gegenseitige Beistandspflicht vor. Dort heißt es: Im Falle eines Angriffs schulden die anderen Mitgliedstaaten „alle in ihrer Macht stehende Hilfe und Unterstützung“.
Ob diese Klausel tatsächlich greift, ist jedoch offen. „Europa wird nicht automatisch in diesen Krieg hineingezogen – das ist eine politische Entscheidung“, sagt die politische Analystin Barbara Mittelhammer. Strategisch wäre Europa besser beraten, „auf Deeskalation und die Einhaltung des Völkerrechts gegenüber allen Konfliktparteien zu drängen“.
Tatsächlich deutet derzeit wenig darauf hin, dass Europa geschlossen eingreifen will. Die EU-Außenminister haben gemeinsam zur Zurückhaltung aufgerufen. Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) hat klargestellt, Deutschland habe „definitiv nicht die Absicht, sich irgendwie zu beteiligen“. Spanien hat sogar den USA untersagt, US-Militärbasen auf der Iberischen Halbinsel zu nutzen. Nur Griechenland, Zyperns engster Verbündeter, und Frankreich schicken Fregatten, Kampfjets und Drohnenabwehrsysteme.
„Europa muss in dieser Krise Geschlossenheit zeigen“, fordert hingegen Manfred Weber, Chef der Europäischen Volkspartei, im Gespräch mit unserer Zeitung. Dabei komme es nicht nur auf rechtliche Paragrafen an. Der Aufbau eines europäischen Raketenabwehrschirms sei jetzt „dringender denn je“, so der CSU-Vize.
■ Iran droht der EU
London versucht zu beruhigen: Zypern sei „eindeutig“ nicht Ziel der Angriffe gewesen, sagte Starmer. Teheran schlug hingegen andere Töne an – und drohte, jede Unterstützung für die USA oder Israel werde als „Komplizenschaft“ und damit als „Kriegshandlung“ gewertet. Frankreich, Deutschland und Großbritannien hatten zuvor „Defensivmaßnahmen“ gegen den Iran angekündigt. Irans Außenamtssprecher Esmail Bakaei reagierte prompt: „Defensiv ist dasselbe wie offensiv. Das ergibt überhaupt keinen Sinn.“ Die Revolutionsgarden drohten daraufhin mit weiteren Angriffen gegen das EU-Land.