Der Mann im Schatten

von Redaktion

Ajatollah Ali Chamenei wurde bei einem Angriff in Teheran getötet. © dpa

Die vier Söhne von Ali Chamenei: Meysam (von rechts), Masoud, Mojtaba und Mostafa, hier in Teheran. © IMAGO

Mojtaba Chamenei, der Sohn des getöteten Ajatollah Ali Chamenei (kleines Bild) wird neuer Religionsführer des Iran. © Nikoubazl/Picture Alliance

München – Man kann es zynisch nennen – oder entwaffnend ehrlich. Als eine Reporterin den US-Präsidenten fragt, wer den Iran denn künftig führen solle, sagt Donald Trump nonchalant: „Die meisten Leute, an die wir gedacht haben, sind tot.“ Im schlechtesten Fall übernehme jemand, der „genauso schlimm ist wie die Person davor“. Das wolle er nicht, aber es könne passieren.

So planlos Trump in diesem noch jungen Krieg wirkt, so richtig könnte er an dieser Stelle liegen. Wenige Tage nach dem Tod Ali Chameneis, der den Iran 37 Jahre lang autoritär führte, zeichnet sich ein Nachfolger ab. Favorit ist einer seiner vier Söhne, der 56-jährige Mojtaba Chamenei. Er gilt als wichtiger Strippenzieher im iranischen System – und als ähnlich kompromisslos wie sein Vater.

Seit Jahren schon wird er als Nachfolger gehandelt. Seine Wahl durch den Expertenrat (siehe Kasten) wäre deshalb nicht überraschend, dafür besonders gefährlich. Nicht nur Trumps Worte deuten darauf hin, dass Chamenei im neuen Amt nicht sicher wäre. Israels Außenminister Israel Katz erklärte offen, wer auch immer Ajatollah Chamenei folge, werde ein klares „Ziel für Eliminierung“ sein.

Der Job hat, salopp gesagt, derzeit gewisse Nachteile. Mojtaba Chamenei weiß, was das bedeutet. Laut „New York Times“ wurden nicht nur seine Eltern, sondern auch seine Frau und ein Sohn am ersten Tag des Krieges getötet, auch er selbst soll schwer verwundet worden sein. Er wird sich trotzdem kaum abschrecken lassen.

Im iranischen Herrschaftssystem spielt der 56-Jährige seit Langem eine zentrale Rolle. Öffentlich trat er kaum in Erscheinung, stattdessen arbeitete er im Verborgenen als eine Art rechte Hand seines Vaters. Dabei baute er auch seinen persönlichen Einfluss aus, knüpfte Verbindungen in die zentralen Schaltstellen des Regimes: Politik, Klerus, Militär.

Besonders eng ist seine Verbindung zu den berüchtigten Revolutionsgarden, dem Rückgrat des Regimes, die mitunter bei der Niederschlagung von Protesten eine zentrale Rolle spielen. Eine mögliche Wahl deute darauf hin, dass künftig „ein deutlich radikalerer Flügel des Regimes die Macht hätte“, sagte Vali Nasr, Iran-Experte der Johns-Hopkins-Universität, der „New York Times“. Andere sprechen von einer Machtübernahme der Revolutionsgarden.

Für das iranische Volk, das Anfang des Jahres in Massen für Freiheit demonstrierte, wäre all das eine bittere Wendung. Die Opposition wirft Mojtaba Chamenei seit Langem vor, seinen Einfluss im Hintergrund für den Machterhalt, aber gegen die Menschen zu nutzen. Schon 2005 soll er eine entscheidende Rolle bei der Wahl des Hardliners Mahmud Ahmadineschad zum Präsidenten gespielt haben. Vier Jahre später soll er die Niederschlagung von Protesten orchestriert haben. Der Nahost-Analyst Eric Mandel sagte dem iranischen Exilportal „Iran International“, Chamenei gelte als „einer der Architekten der Repressionen des Regimes“.

Noch hat der Expertenrat die Wahl nicht bestätigt, neben Chamenei wurden bis zuletzt auch andere Namen gehandelt. Zu ihnen zählt unter anderem Sadegh Laridschani (62), ein Hardliner mit erzkonservativem Weltbild und Reformgegner. Auch Ex-Präsident Hassan Rohani (77) wurden Chancen zugerechnet. Er verhandelte das Atomabkommen mit den USA und Europa mit und gilt als ähnlich gemäßigt wie der dritte Kandidat: Hassan Chomeini (53). Sein politisches Gewicht hat er vor allem seinem Namen zu verdanken: Er ist einer der Enkel des Revolutionsführers Ruholla Chomeini.

Wie es aussieht, ist die Konkurrenz aber chancenlos. Mehrere Portale meldeten gestern bereits, die Wahl sei auf Chamenei gefallen, was eine gewisse innere Logik hätte: Die Zeit drängt, das System will sich wegen der anhaltenden Angriffe möglichst schnell konsolidieren. Und Chamenei, der den Sicherheitsapparat gut kennt, wäre aus Regimesicht eine strategisch kluge Wahl.

Zugleich wäre es ein Bruch in der Geschichte der islamischen Republik. Chamenei steht nicht im Rang eines Ajatollahs, eigentlich Voraussetzung für die Position des Obersten Führers. Und, gravierender: Das System mag autokratisch sein, sieht aber eigentlich keine Dynastien vor. Chameneis Wahl röche allzu sehr nach Erbmonarchie. Der alte Chamenei soll sich vor einigen Jahren selbst dagegen ausgesprochen haben, dass sein Sohn eine Rolle spielt.

Ahmet Chatami, ein Mitglied des Expertenrats, warb gestern für Geduld. Man stehe „kurz vor einer Entscheidung, aber es herrschen Kriegsbedingungen“, sagt er im Staats-TV. Auch der Rat gilt als Ziel für Amerikaner und Israelis. Darum, so Chatami, sei „Diskretion“ geboten.

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