Der erste grüne Ministerpräsident prägte eine Ära

von Redaktion

Winfried Kretschmann war Deutschlands erster grüner Ministerpräsident. © dpa

München – Es sind die letzten Wochen von Winfried Kretschmann als Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Am Sonntag wird im „Ländle“ gewählt. Kretschmann wird zu seinem Abschied vermutlich viel Würdigung erfahren. Der oft sperrig wirkende Pragmatiker schaffte es, als Landesvater wahrgenommen zu werden – das politische Erbe des 77-Jährigen ist allerdings ein Bundesland in der Krise. „Ich bin froh, dass ich aufhöre“, sagte Kretschmann kürzlich. Das Amt sei auch eine Bürde. Er schlafe oft schlecht und zu wenig. Kretschmann ist der am längsten amtierende Ministerpräsident in Baden-Württemberg. Die Menschen mögen ihn, im ARD-„Deutschlandtrend“ bekam er bessere Zustimmungswerte als alle Spitzenkandidaten.

Kretschmann kam am 17. Mai 1948 am Westrand der Schwäbischen Alb als Kind von Heimatvertriebenen in katholischem Milieu zur Welt. Als Student war er Mitglied einer kommunistischen Hochschulgruppe – eine „Sekte“, wie Kretschmann heute sagt. Seine Frau Gerlinde, mit der er seit 1975 verheiratet ist, habe ihn daraus gerettet. Mit seiner Gerlinde ging Kretschmann einen bürgerlichen Weg. Sie leben im oberschwäbischen Örtchen Laiz, zogen dort drei Kinder groß. Winfried ist Mitglied im Schützenverein, bringt selbst seinen Sperrmüll weg und ist praktizierender Katholik. Klingt nach einer typischen CDU-Biografie. Kretschmann aber war von Anfang an Grüner, aus Liebe zur Natur. 1979 war er Mitgründer des Landesverbands in Baden-Württemberg. Seit 1996 ist er ununterbrochen für die Grünen im Landtag.

2011 wurde Kretschmanns Jahr. Nach dem Konflikt um das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 sowie unter dem Eindruck der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima und anhaltender Querelen innerhalb der CDU gelang es ihm als erstem Grünen überhaupt, Ministerpräsident zu werden. Zunächst regierte Kretschmann eine Legislaturperiode lang mit der SPD, seit seiner Wiederwahl 2016 dann mit der CDU.

Lange wurde seine Bilanz gelobt, inzwischen fällt die Bewertung aber kritischer aus. Kretschmann pflegte im Autoland Baden-Württemberg einen pragmatischen Umgang mit Mercedes, Porsche und den vielen Zulieferern. Das ging viele Jahre gut, doch mittlerweile trifft Baden-Württemberg die Krise der Autoindustrie hart. Die Abhängigkeit von der Branche ist groß. Zu Jahresbeginn stieg die Arbeitslosenzahl auf Werte wie zuletzt vor fast 20 Jahren.

Kretschmanns Antwort: Mehr Arbeitszeit. „Wir haben die geringste Jahresarbeitszeit aller Industrienationen“, sagte Kretschmann schon im vergangenen Juli. Dass ein Grüner wie ein Konservativer spricht, verwundert eigentlich – im Fall des eigenwilligen Kretschmanns allerdings nicht, was auch ein Teil seines Erbes ist.RAN/CFM

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