VIER FRAGEN AN

„Viele CSU-Wähler werden jetzt für Reiter stimmen“

von Redaktion

München – Mehr als zwei Jahrzehnte lang prägte Alt-Oberbürgermeister Christian Ude (SPD, 78) die Münchner Stadtpolitik – und ebnete dem damaligen Wirtschaftsreferenten Dieter Reiter den Weg auf den OB-Stuhl. Im Gespräch mit unserer Zeitung zieht Ude zur Amtszeit seines Nachfolgers eine gemischte Bilanz.

Blicken wir zuerst zurück auf das Jahr 2014. Wie haben Sie Dieter Reiter damals eingeschätzt?

Ich war überzeugt, dass er der Richtige ist. Als ich beschlossen habe, ihn zu unterstützen, war er innerhalb der SPD noch sehr umstritten. Die damalige Bürgermeisterin, der Parteivorsitzende, der Fraktionsvorsitzende und die Sozialreferentin wollten sogar gegen ihn kandidieren. Mit seiner bodenständigen und freundlichen Art konnte er die Menschen aber schnell für sich einnehmen und mit seiner Verwaltungserfahrung überzeugen.

Hat er als OB Ihre hohen Erwartungen erfüllt?

Reiter hat einen überzeugenden Start hingelegt. Seine gesamte Amtszeit zu bewerten, fällt mir aber nicht ganz leicht. Es gab Sachentscheidungen, die ich überhaupt nicht verstanden habe – etwa die sofortige Abschaffung des Bündnisses für Toleranz, Demokratie und Rechtsstaat, das ich 1998 ins Leben gerufen hatte.

Hätten Sie als Oberbürgermeister ein Angebot des FC Bayern angenommen, für 20.000 Euro im Jahr im Verwaltungsbeirat zu sitzen?

Auf die Idee sind weder der FC Bayern noch meine Person jemals gekommen – aus gutem Grund, ich bin ja Löwen-Fan! Gott sei Dank bin ich auch nie in Versuchung geführt worden, weil 1860 das Geld dazu fehlt (lacht). Im Februar haben wir über alle Parteigrenzen hinweg gepriesen, wie pingelig Hans-Jochen Vogel (von 1960 bis 1972 OB von München) gerade bei Finanzen war. Er hat jedes Telefonat auf geliehenen Telefonen pedantisch bezahlt. Er wäre bei insgesamt 80.000 Euro Nebenverdienst sicher explodiert.

Können Sie sich vorstellen, dass Reiter wegen des Skandals in der Stichwahl unterliegt?

Dieter Reiter hat einen großen Vorsprung, muss aber damit rechnen, Briefwähler zu verlieren, die erst nach der Stimmabgabe von den aktuellen Themen erfahren haben. Aber auf der anderen Seite kann er doch mit der überwältigenden Mehrheit der CSU-Wähler rechnen, die wahrscheinlich in erster Linie einen Grünen-OB verhindern wollen. Insgesamt kann er schon entspannt sein.

Zur Person

Christian Ude (78) ist gebürtiger Münchner und wuchs im Stadtteil Schwabing auf. Er ist Jurist. Schon als Gymnasiast trat er in die SPD ein, 1990 wurde er in den Stadtrat gewählt und 2. Bürgermeister. 1993 folgte er Georg Kronawitter als Oberbürgermeister nach.

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