Landwirt Josef Heufelder bewirtschaftet einen Milchviehbetrieb. Milch, sagt er, ist auch ein Stück Kulturgut. © Arndt Pröhl
München/Arzbach – Josef Heufelder kniet in seinem Stall und hält ein Glas Milch in der Hand. Frisch gemolken. Es ist das Produkt seiner täglichen Arbeit. Und auf das lässt er nichts kommen. In Arzbach im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen bewirtschaftet der 27-Jährige einen Milchviehbetrieb mit 28 Kühen und 35 Jungrindern zur Nachzucht. Während Hafer-, Soja- und Mandeldrinks die Supermärkte erobern, erlebt Heufelder die Debatte um Milch und ihre Ersatzprodukte aus der bodenständigen Perspektive eines Milchbauern.
Für Heufelder ist klar: Pflanzliche Drinks sind kein Ersatz für Milch. „Diese Alternativen sind nicht mit normaler Kuh- oder Ziegenmilch vergleichbar“, betont er. Vor allem bei den Inhaltsstoffen gebe es deutliche Unterschiede. Kuhmilch liefere „ein Nährstoffpaket, das pflanzliche Alternativen so nicht bieten können“.
Dr. Martin Kussmann (61) ist Experte am Kompetenzzentrum für Ernährung (KErn) der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft. Und er pflichtet dem Landwirt bei. Milchersatzdrinks, sagt er, würden gerade ein wenig „in den Himmel gehoben“. Kuhmilch überzeuge vor allem durch ihre hohe Nährstoffdichte: „Sie enthält hochwertiges Protein, viele Vitamine und Mineralstoffe. Das ist besonders wichtig für das Wachstum – vor allem auch für Frauen, wenn sie Kinder bekommen“, sagt Kussmann. Das gelte auch für fettarme Milch, die immer beliebter werde: „Bei 1,5 Prozent Fett bleibt der Nährstoffgehalt gleich – lediglich das Fett ist reduziert. Das ist letztlich eine Frage des Geschmacks.“ Katharina Holthausen von der Verbraucherzentrale Bayern ergänzt, dass tierische Lebensmittel in der Regel alle essenziellen Aminosäuren in einem Paket liefern. „Pflanzliche Eiweißquellen können das meist nicht – mit einer Ausnahme: Soja.“
Der Boom der Milchersatzdrinks ist enorm. Bereits ein Drittel der Deutschen (34 Prozent) konsumiert laut dem Marktforschungsinstitut YouGov Surveys pflanzliche Milchersatzprodukte. Dabei liegen Haferdrinks vorn (66 Prozent), gefolgt von Mandel (44 Prozent) und Soja (32 Prozent). Der Pro-Kopf-Verbrauch von Milch geht hingegen zurück. 2024 lag er bei 46 Kilogramm, ein Jahr zuvor waren es noch 50. „Der Milchverbrauch ist im Vergleich zu vor fünf bis sechs Jahren rückläufig“, bestätigt Andreas Löbhard vom Verband der Milcherzeuger Bayern.
Der Trend zu Ersatzprodukten sei besonders bei jungen Menschen und bei Frauen ausgeprägt, sagt Kussmann. Der Marktführer Hafermilch erreichte laut dem Good Food Institute Europe im Jahr 2023 einen Wertanteil von 36,6 Prozent am Markt für pflanzliche Milchalternativen. Sojamilch folgt, nicht zuletzt wegen ihres „eher strengeren Beigeschmacks“, wie Kussmann es nennt. „Milch bleibt aber ein etabliertes Lebensmittel. Die, die Milch trinken, tun es auch weiterhin.“
Pflanzliche Drinks, sagt Kussmann, hätten durchaus ihre Berechtigung. Hafer liefere Ballaststoffe und Spurenelemente, Soja habe eine sehr hohe Proteinqualität. Zudem enthielten pflanzliche Drinks häufig höhere Mengen an ungesättigten Fettsäuren, Vitamin E und Eisen, gleichzeitig aber weniger Calcium, Jod und bestimmte Vitamine.
Die Beliebtheit pflanzlicher Alternativen erklärt der Ernährungsexperte so: „Zum einen schmecken viele Produkte gut. Zum anderen steckt ein gewisser ‚Gutmenschentrend‘ dahinter.“ Viele Verbraucher stünden der Viehhaltung kritisch gegenüber, würden aus Umwelt- oder Tierschutzgründen zu Pflanzlichem greifen. „Da überwiegen Umwelt- oft die Geschmacksaspekte.“ Als Konkurrenz zur klassischen Kuhmilch sieht er die Alternativen trotzdem nicht: „Sie sind eine Ergänzung. Dieses ‚entweder oder‘ ist völlig falsch.“
Auch Landwirt Josef Heufelder sieht Ersatzprodukte nur bedingt als Konkurrenz. „In der Bodybuilderszene oder bei Veganern sind sie sicher eine Ergänzung.“ Es gehe aber nicht nur um Nährwerttabellen. „In Kuhmilch steckt viel mehr drin, als man denkt“, sagt er. Milch stehe für eine Kultur, für Familienbetriebe, für das Bewirtschaften und Pflegen von Wiesen und Almen – und für ein prägendes Weidelandschaftsbild. „Das Drumherum wird oft vergessen“, sagt der Arzbacher.
Stephanie Stiller ist Managerin der Ökomodellregion Miesbacher Oberland. Sie bringt noch einen Aspekt ein: die Regionalität. „Meiner Meinung nach macht es für jeden Sinn, Lebensmittel zu verzehren, die auch vor Ort verfügbar sind.“ Das Oberland sei stark vom Grünland geprägt und verfüge über regionale Molkereien, die es zu unterstützen gelte. Gleichzeitig rät sie, bei Milchalternativen genau hinzuschauen: „Man sollte immer auch die Herkunftsländer der einzelnen Zutaten beachten.“
Für Dr. Martin Kussmann steht fest: „Milch ist im Großen und Ganzen gesund. Punkt.“