Im Kreis der Fußball-Prominenz: Reiter beim Champions-League-Halbfinale gegen Real Madrid. © Bernd Feil/dpa
Dieter Reiter 2025 bei der Meisterfeier im Rathaus. Harry Kane trägt die Schale, Reiter einen Fan-Schal. Jetzt muss er seine Liebe zum FCB neu ordnen. © IMAGO/dpa
München – Mittwoch, Olympia-Einkaufszentrum, 16 Uhr: Dieter Reiter trägt eine braun-graue Tweed-Kombi, ist guter Laune. Der Münchner SPD-Oberbürgermeister verteilt Rosen, macht Selfies mit Bürgern, beginnt mit zwei Taxifahrern vor dem OEZ-Eingang ein Gespräch. Ammar Mohammed nutzt die Chance, um mit Reiter zu diskutieren, wie private Fahrdienste seinem Gewerbe das Leben schwer machen. Er weiß, dass der OB eine Stichwahl gewinnen muss. „Politiker sollten viel öfter auf die Straße gehen und mit den Menschen sprechen“, meint der 50-Jährige. Dass Reiter hier steht, ist auch dem desaströsen Ergebnis vom Sonntag geschuldet. Er muss Scherben beseitigen, die er selbst verursacht hat.
Rückblende, Sonntagabend: Dieter Reiter ist dünnlippig. Gerade sind die ersten Hochrechnungen aufgepoppt. Es sind keine „40 plus x“, wie von Reiter prognostiziert. Reiter wirkt angefasst, lässt keine Fragen zu. Der rote Riese taumelt. Später entschuldigt er sich bei seiner Partei. Er habe Fehler gemacht, räumt er ein. Reiter kommt nur auf 35,6 Prozent und muss am 22. März in die Stichwahl – ausgerechnet gegen seinen Stellvertreter, den Grünen Dominik Krause. Der 35-Jährige ist der Senkrechtstarter, mobilisiert auch junge Wähler, die mit dem 67-jährigen Reiter emotional nicht viel verbindet. Und dann noch die FC-Bayern-Affäre. Für Krause ein Glücksfall. Er holt 29,5 Prozent – und träumt nun vom ganz großen Coup.
Die FC-Bayern-Sache, sie hat Reiter schlaflose Nächte bereitet. Reiter saß seit Jahren bei seinem geliebten FCB im Verwaltungsbeirat und rückte kürzlich in den Aufsichtsrat auf. Seit 2021 bezog er fürs Amt im Verwaltungsbeirat insgesamt 90.000 Euro. Die dotierte Nebentätigkeit ließ er sich aber nicht, wie vorgeschrieben, vom Stadtrat genehmigen. Auch nicht, dass er in den Aufsichtsrat aufgerückt war. All das wurde kurz vor der Wahl publik.
Gestern dann die Nachricht: Reiter tritt von seinen Ämtern beim FC Bayern zurück. Die 90.000 Euro will er spenden. An zwei seiner Herzensprojekte: die Spielstadt Mini-München und die interkulturelle Straßenfußball-Liga „Bunt kickt gut“. Der FC Bayern äußerte sich trotz Anfrage nicht.
Straßenwahlkampf soll Wende bringen
Drei Tage benötigte Reiter für eine Entscheidung, die er schon vor der Wahl hätte treffen können. Jetzt muss er um jeden Wähler kämpfen. Klinkenputzen in Laim, Trudering, Lochhausen, Sendling statt Rathausbüro. Reiter muss zeigen, dass er den Kontakt zum Bürger nicht verloren hat – und noch für den Job des Oberbürgermeisters brennt. Auch daran gab es zuletzt Zweifel. Im Singspiel am Nockherberg wurde Reiter als amtsmüder Bettelmönch dargestellt. Schaffenskraft sieht anders aus. Nicht Bettelmönch, sondern Stadtvater mit klaren Visionen und ungebrochenem Tatendrang. Das sind die Bilder, die er jetzt kreieren muss.
Seine Partei hat ihm dafür eine Ochsentour verordnet. Einkaufszentren, Wochenmärkte, Bahnhöfe, die Parade am St. Patrick‘s Day. „Wir mobilisieren jetzt alles“, sagte der Münchner SPD-Chef Christian Köning. „Er ist sehr kämpferisch.“ Gemeint ist Dieter Reiter.
Reiter postete gestern ein Instagram-Video, in dem er sich – sichtbar zerknautscht – erklärt. Ihm sei klar geworden, dass eine einfache Entschuldigung nicht ausreiche. „Mir ist wichtig zu betonen, dass mir Ihr Vertrauen wichtiger ist als Vergütungen oder Mandate.“ Er habe zwölf Jahre versucht, gute Politik für München zu machen, und wolle dies auch weiter tun. Er wolle den Wählern zeigen, was sozialdemokratische Politik für München wert sei. Ob das noch rechtzeitig kommt? Offiziell lobt die SPD Reiters Schritt, hinter den Kulissen hört man auch Skepsis wegen Reiters langem Zögern.
Auch die Politikwissenschaftlerin Ursula Münch überzeugt die Notbremse nicht. Reiters Schritt wirke „verschleppt“, weil es jetzt nicht mehr anders gehe, sagt die Leiterin der politischen Akademie in Tutzing. Reiter sei aber immer noch der Favorit, betont sie. Dass die CSU-Wähler nun „mit wehenden Fahnen“ zu Krause und den Grünen wechselten, sei nicht zu erwarten. „Die Stichwahl ist absolut offen.“
Die Grünen nennen den Rücktritt unausweichlich, geben sich sonst zurückhaltend. Sie konzentrieren sich auf die Stichwahl. Neuer Schwung an der Stadtspitze ist die Botschaft, gegen die Reiter ankämpfen muss. Dominik Krause hat seit Sonntag rund 10.000 neue Instagram-Follower gewonnen. Die Grünen wollen 3000 Stichwahl-Plakate kleben, 100.000 Flyer verteilen, Werbe-Großflächen anmieten. Die historische Chance setzt Kräfte frei.
Sollte die Stichwahl verloren gehen, wäre das nicht nur eine Zeitenwende in München. Die Landeshauptstadt ist die wichtigste Bastion der sonst schwachen SPD. Mit Reiter würde auch die Partei in nicht absehbare Tiefen gerissen.
Aber der OB zeigt Krallen. 35 Ortstermine in zehn Tagen. Manche beginnen um 5.30 Uhr und enden um 19 Uhr. Reiter hat dafür extra Urlaub genommen. „Das wird körperlich eine Herausforderung“, sagt er am Olympia-Einkaufszentrum. Und: „Ich werde diese Wahl gewinnen!“