Teures Gas, teures Benzin – und bald steigende Preise in den Supermärkten? Der Iran-Krieg belastet auch Deutschland. Die Grafik zeigt die drei ifo-Szenarien. © dpa/Grafik: afp
München – Deutschland ächzt unter den Folgen des Iran-Krieges. Im Interview erklärt der Präsident des Münchner ifo-Instituts, Clemens Fuest, wie es jetzt weitergeht.
Vor der Krise gab es die Hoffnung eines zarten Aufschwungs, dann begann der Krieg. Kommt jetzt die Rezession zurück?
Ein Einbruch droht zum Glück nicht. Allerdings bekommt die Konjunktur einen Dämpfer, der Krieg kostet uns Wachstum. Dabei war der Aufschwung, den wir vorher erwartet hatten, ohnehin nicht sehr stark. Ohne den Iran-Krieg hätten wir 2026 ein Wachstum von einem Prozent gesehen, jetzt haben wir eine andere Lage.
Mit welchem Wachstum ist jetzt zu rechnen?
Das hängt davon ab, wie lange der Krieg dauert. Wir haben zwei Szenarien durchgerechnet: Einmal ein Szenario, in dem der Krieg in wenigen Wochen beendet sein wird und sich die Energiepreise langsam wieder normalisieren. Das zweite Szenario ist ein Eskalationsszenario: Der Krieg dauert deutlich länger und Öl bleibt auf lange Sicht teuer.
Wie wären die Folgen für die deutsche Wirtschaft bei einer kurzen Kriegsdauer?
Dann hätten wir immerhin noch 0,8 Prozent Wachstum in diesem Jahr – also 0,2 Prozentpunkte weniger als in unserer Prognose vor Kriegsbeginn.
Und im Eskalationsszenario?
Dann läge das Wachstum nur noch bei 0,6 Prozent. Der Krieg würde uns in Deutschland damit 0,4 Prozentpunkte Wachstum kosten.
Wenn der Iran die Straße von Hormus mit Seeminen blockiert und ein Transport von Öl und Gas damit auf lange Sicht unmöglich bleibt, dann hätten wir diesen Fall?
Eine Blockade der Straße von Hormus könnte so ein Szenario sein. Wir haben in unserer Rechnung angenommen, dass der Ölpreis auf Monate bei rund 100 Dollar bleibt – darauf basiert unsere Prognose.
Welche Inflation hätten wir dann in Deutschland?
Aufs Gesamtjahr wären das zwischen 2,5 und 3,0 Prozent – die Preise dürften insgesamt also wieder deutlich stärker steigen.
Wer aktuell mit dem Auto an die Tankstelle fährt, spürt den Preisauftrieb schon jetzt. Autofahrer dürften aber bestimmt nicht das Gefühl haben, dass wir es nur mit einem Dämpfer zu tun haben. Die Spritpreise explodieren.
Wir beobachten da in der Tat auffällige Preisbewegungen an den Tankstellen. Das wird deutlich, wenn man die Benzinpreise in Deutschland einmal mit den Preisen in den Nachbarländern vergleicht, etwa Österreich oder Frankreich. In Deutschland sind die Preise seit Beginn des Iran-Krieges in Deutschland um 20 Cent mehr gestiegen als im Ausland. Und schon vor dem Krieg waren die Preise in Deutschland höher.
Liegt das nicht auch am CO2-Preis?
Der CO2-Preis macht gerade einmal 3 Cent pro Liter aus.
Was ist also der Grund für den teuren Sprit in Deutschland?
Eine mögliche Erklärung wäre, dass die Raffinerien möglicherweise die Unruhe am Markt nutzen, um die Preise zu erhöhen. Das muss sich das Kartellamt jetzt genau anschauen.
Das heißt, wenn die Tankstellenbetreiber den Mineralölkonzernen „Abzocke“ vorwerfen, liegen sie damit nicht falsch?
Die Preisbewegungen sind auf jeden Fall sehr auffällig, daran besteht kein Zweifel. Eines ist aber wichtig zu verstehen: Der hohe Benzinpreis belastet zwar die Haushalte, aber die Belastung für die Wirtschaft ist dadurch noch nicht so groß, dass ein Konjunktureinbruch die Folge wäre.
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche plant mehr Transparenz, Tankstellen sollen den Preis nur noch einmal am Tag erhöhen dürfen. Ein richtiger Schritt?
Ob das am Ende eine dämpfende Wirkung auf die Preise hat, ist unklar. Transparenz führt nicht automatisch zu günstigeren Preisen. Sollte wirklich ein Kartell mit illegalen Preisabsprachen existieren, würde diese Maßnahme womöglich ins Leere laufen.
Wäre eine Preisobergrenze sinnvoll?
Ein Benzinpreisdeckel wäre falsch. Damit würde man das Preissignal außer Kraft setzen.
Was verstehen Sie unter einem Preissignal?
Wir haben eine Verknappung von Rohöl am Weltmarkt. Der höhere Preis gibt Verbrauchern einen Anreiz, zum Beispiel weniger Auto zu fahren. Denn wenn sich Öl verknappt, ist Sparen der richtige Weg. Bei einer Preisobergrenze würde man genau das falsche Signal aussenden.
Pendler, die jeden Tag mit dem Auto zur Arbeit fahren, haben womöglich gar nicht die Möglichkeit, Sprit zu sparen.
Das ist eine politische Frage. Sollte die Politik die Pendler entlasten wollen, könnte sie beispielsweise über eine Erhöhung der Pendlerpauschale nachdenken. Dann bliebe das Preissignal an den Tankstellen bestehen, am Jahresende bekämen die Pendler über die Steuererklärung aber einen finanziellen Ausgleich.
Bringt es etwas, die strategischen Ölreserven anzuzapfen?
Damit lassen sich zumindest Preisspitzen aus dem Markt nehmen. Aber ein Ölpreis von 100 Dollar pro Barrel rechtfertigt eigentlich noch nicht einen derartigen Schritt. Meine Sorge ist, dass diese Maßnahme zu früh kommt.
Haben wir physisch gesehen in Deutschland überhaupt eine Verknappung von Öl? Nur sechs Prozent der Ölimporte stammen aus dem Nahen Osten, den Großteil bekommt Deutschland aus Norwegen und den USA. Das Öl aus den Golf-Staaten geht vor allem nach Asien.
Wir sprechen hier von einem Weltmarkt. In dem Moment, wo in Asien das Öl knapp wird, kaufen die Asiaten das Öl eben in Europa – die Transportkosten sind vernachlässigbar, im Zweifel kehren die Schiffe einfach um.
Zwischen 2005 und 2025 sind die Ölimporte nach Deutschland um ein Drittel gesunken. Kommen wir dadurch etwas glimpflicher durch die aktuelle Krise als in der Vergangenheit?
Das ist tatsächlich der Fall. In den 70er-Jahren hatte der Ölpreisschock eine weltweite Rezession zur Folge. Man muss fairerweise dazu sagen, dass der Preisanstieg damals viel heftiger war. Trotzdem sind wir heute zumindest etwas besser geschützt, weil die Wirtschaft nicht mehr so ölabhängig ist. Daher sehen wir jetzt auch nur einen Dämpfer und keinen Einbruch.