wird die Stadt für lange Zeit prägen“

von Redaktion

Bauen ist in München ein großes Thema – das wird beim Fototermin auf dem Dach des Pressehauses klar. © Marcus Schlaf

Krause: Wir haben Tempo 30 überhaupt nicht eingeführt, das waren SPD und CSU.

Reiter: Die Grünen wollten dafür hunderttausend Autos aussperren und nicht mehr in den Mittleren Ring fahren lassen. Ich habe dann die gedämpftere Maßnahme mit Tempo 30 vorgeschlagen.

Aber mit Ihnen, Herr Krause, bleibt‘s bei 30?

Krause: In der Diskussion kommen die Anwohner zu kurz. Sie haben das Recht auf saubere Luft, und wir müssen die Grenzwerte endlich einhalten. Die EU plant, die Grenzwerte noch deutlich zu verschärfen.

Reiter: ….wenn die EU mal was umsetzt von dem, was sie ankündigt…

Krause: Wir sollten uns jetzt ehrlich machen. Wir müssen in fünf, zehn Jahren dahin kommen, dass in der Stadt weit überwiegend saubere Fahrzeuge unterwegs sind.

Also: nur Elektroautos.

Krause: Ja. Das müssen wir, am besten ohne Verbote, anschieben. Das ist wichtiger als dieses Hickhack zwischen 30 und 50 – diese Schildbürgerstreiche.

Reiter: Treffender Ausdruck. Aber: Auch Elektroautos werden das Parkplatzproblem nicht lösen.

Herr Krause, wird es mit Ihnen 2027 noch eine IAA in der Münchner Innenstadt geben?

Krause: Wir Grüne sind für die IAA, aber gegen die „Open Spaces“ in der Innenstadt. Wir geben keine öffentlichen Plätze flächendeckend für Werbung frei, warum die Ausnahme für die IAA? Die IAA wird auch ohne Innenstadt-Flächen nicht wegziehen.

Reiter: Doch. Andere Städte interessieren sich brennend für die IAA. Nach allen Gesprächen, die ich mit der IAA und mit Konzernen wie BMW bis hinauf zur Eigentümerfamilie hatte, bin ich mir sicher. Es wäre fatal, wenn wir die IAA aus der Stadt vertreiben. Ich war oft in den Open Spaces unterwegs, öfter als Du, und ich habe nur gut gelaunte Menschen gesehen. Keinen, der rumschimpft.

Beide wollen Sie den öffentlichen Nahverkehr ausbauen. Wie genau wollen Sie das bewerkstelligen?

Reiter: Es wird sehr schwierig, weil unsere Mittel begrenzt sind. Die Bundesregierung darf nicht nur über Verkehrswende reden, sondern muss auch Gelder bereitstellen. Wenn sich da nichts tut, wird kein verantwortungsvoller Bürgermeister einem Stadtrat vorschlagen, jetzt neun Milliarden Euro für eine U9 zu verplanen. Darüber habe ich sowohl mit Finanzminister Klingbeil als auch mit Bundeskanzler Merz gesprochen.

Was wurde geantwortet?

Reiter: „Wir nehmen das mal mit.“ Na ja…

Was können Sie machen?

Reiter: Nehmen wir die Tram-Westtangente. Mich stören nicht die zwei Jahre Bauzeit, sondern die 15 Jahre Planung. Da müssen wir dramatisch besser werden. Und alle politischen Parteien waren an der Verzögerung beteiligt.

Hat er Recht oder macht er es sich da zu einfach?

Krause: Die Finanzen sind schon ein Problem. Mit dem Deutschlandticket ist uns jeglicher Preisgestaltungsraum weggefallen. Doch es gibt Unterschiede zwischen den Parteien: Derzeit dienen die Trambahnen als Ersatz für ein fehlendes Ringsystem in München. Von 2014 bis 2020 hat die CSU mitregiert, die die Westtangente nie wollte. In dieser Zeit ging nichts voran. Das darf sich nicht wiederholen. Sonst passiert uns dasselbe wie in Freiham, wo das Stadtviertel fertig ist und die U-Bahn ein paar Jahre später kommt.

Würden Sie als OB auf den Dienstwagen verzichten?

Krause: Ich verstehe, dass ein OB noch mehr wahrgenommen wird als der Zweite Bürgermeister. Aber bislang bin ich mit den Öffentlichen gut gefahren und war immer schnell bei allen Terminen. Ich werde das erst einmal nicht ändern.

Reiter: Die Frage stellt sich anders, wenn man das Amt hat. Als Erstes gibt es klare Ansagen der Polizei wegen der Sicherheit. Außerdem ist mein Dienstwagen ein fahrendes Büro – voller Akten und Notizzettel, wen ich alles anrufen soll.

Haben Sie eigentlich ein Radl?

Reiter: Ja, aber ich fahre vielleicht zweimal im Jahr, wenn die Enkel zu Besuch sind.

Am für Sie schwierigen Wahlabend hat Sie Ihre Frau begleitet. Was bedeutet sie Ihnen?

Reiter: Sie muss ja mich und mein Amt ständig miterleben, auch meine Launen ertragen. Da kann ich mich dann anlehnen und etwas Ruhe finden. Aber sie steht auch selbst in der Öffentlichkeit, gerade bei uns in Sendling. Das beeinträchtigt das Leben schon.

Herr Krause, Sie haben sich verlobt. Welche Rolle spielt Ihr Partner?

Krause: Er ist eine wahnsinnige Stütze. Aber er arbeitet als Arzt, weshalb wir uns abends Gott sei Dank nicht nur über Politik unterhalten. Ich habe gelernt: Man kann nicht nur als Politiker seinen Tag beklagen, sondern auch als Arzt. (lacht)

Herr Krause, Sie versprechen 50.000 neue Wohnungen, gleichzeitig mehr Grün als Beton. Wie geht das zusammen?

Krause: Das muss kein Widerspruch sein. Zusammengesetzt ist das Ziel aus 20.000 SEM-Wohnungen (siehe Text links), Aufstockungen sowie der Umwandlung leer stehender Büroflächen. Nur der erste Teil ist eine Nachverdichtung mit Versiegelung, aber dort wird so oder so gebaut. Fürs Grün brauchen wir da Konzepte aus einem Guss.

Reiter: So einfach ist es leider nicht. Ein Versprechen, im Norden 20.000 Wohnungen zu bauen, ist unrealistisch. Auch die Idee mit der Büro-Umwandlung ist nicht praktikabel. Die Investitionen, um daraus Wohnungen mit Bädern zu machen, sind gigantisch. Und wer alles aufstocken will, muss mit den Baustellen leben.

Herr Reiter, Sie haben die SEM einkassiert. Herr Krause will an ihr festhalten. Warum ist das ein Fehler?

Reiter: Ich habe jetzt 15 Jahre Anlauf zur SEM erlebt, in denen nicht ein einziger Spatenstich für eine einzige Wohnung getätigt wurde. Ich habe das anfangs auch unterstützt. Aber zuletzt gab es unglaublich viel Ärger bei den Menschen, denen diese Flächen gehören. Das hat dann zu einer kompletten Blockadehaltung geführt. Da geht nichts mehr voran.

Herr Krause, Sie wollen eine Mietwucherstelle schaffen. Wie muss man sich das vorstellen – als Anlaufstelle für Denunzianten?

Krause: Vorbild ist die Stadt Frankfurt, übrigens SPD-regiert. Dort werden die Mietportale durchgescannt. Das kann dann von einer freundlichen Benachrichtigung bis zu rechtlichen Konsequenzen führen. Mietwucher ist eine Straftat.

Zum Schluss noch das Thema Einzelhandel: Geschäfte, auch in der Innenstadt, stehen leer. Was kann man dagegen tun?

Krause: Was wir tun können, versuchen wir: Die Shopping-Nächte haben wir in Rekordzeit ermöglicht. Es geht viel um Lebensqualität. Der Stadt ist schon geholfen, wenn die Benko-Immobilien wieder mit Leben gefüllt sind. Aber rund um den Hauptbahnhof wird es schwierig, bis diese Baustelle endlich mal fertig ist. Insgesamt verändert sich das Einkaufserlebnis in der Stadt: Man braucht Gastronomie, Kultur und Aufenthaltsqualität. Dazu zählt auch Grün und Fußgängerfreundlichkeit.

Reiter: Ich teile davon vieles. Aber von den Einzelhändlern höre ich meist: Ich will, dass mein Geschäft mit dem Auto anfahrbar bleibt. Deshalb sage ich: Man muss bei jedem einzelnen Parkplatz erklären, warum er wegfällt. Dann gibt es mitunter Verständnis. Bei den Schanigärten ist uns das beispielsweise sehr gut gelungen. Und im Tal werden wir diese Debatte wieder haben. Insgesamt müssen wir da besser werden.

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