Amalie und Martin Angele ohne Skihelm und -brille. © SEHR
Ski-Gipfeltreffen auf der Zugspitze: Amalie mit ihrem Operateur Prof. Martin Angele. © Andreas Beez
Carven mit 90 Jahren: Amalie zieht auf der Wetterwandeck-Abfahrt am Zugspitzplatt ihre Kurven. Nach der Darmkrebsdiagnose ist sie zurück auf der Piste des Lebens. Zwischendrin (kleines Bild) darf es dann auch mal ein Bierchen sein – alkoholfrei, versteht sich, damit bei der nächsten Abfahrt nichts die Sinne trübt. © Andreas Beez
Garmisch-Partenkirchen – Als Allgäuer ist Martin Angele (56) praktisch auf Tourenskiern aufgewachsen und schon mit einigen Bergkameraden unterwegs gewesen, die richtig gut auf den Brettern stehen. Aber die schönen Schwünge, die seine Patientin Amalie zwischen Sonnenkar und Wetterwandeck in den Schnee zog, nötigten dem Chefarzt für Allgemein-, Viszeral-, Thorax- und Onkologische Chirurgie im Garmisch-Partenkirchner Krankenhaus allerhöchsten Respekt ab. „Wahnsinn“, sagt Angele verblüfft. „Wenn du mit 90 Jahren noch so Ski fährst, hast du alles richtig gemacht.“
Amalie winkt bescheiden ab, sie will solche Superlative am liebsten gar nicht hören. Aus zwei Gründen: Zum einen, weil sie früher in anderem Gelände als am zahmen Zugspitzplatt unterwegs war. Und zum anderen, weil es auch Tage gibt, an denen sie ihre 90 Jahre spürt, so wie die meisten Gleichaltrigen auch: „Ich springe sicher nicht jeden Tag mit einem Hurra-Schrei aus dem Bett.“
Aber manchmal treibt sie schon noch jugendlicher Elan an, so wie an diesem Traumtag mit Pulverschnee und 200 Kilometer Bergpanorama-Fernsicht. „Solche Tage sind ein Geschenk, dafür bin ich einfach dankbar“, sagt Amalie.
Im vergangenen Jahr schien die Zugspitze für die Garmisch-Partenkirchnerin noch so weit weg wie der Mond. Bei einer Darmspiegelung wurde Krebs entdeckt. Sie entschied sich für eine Operation – in ihrem Alter ist das keine Selbstverständlichkeit. Aber Chefarzt Martin Angele, nicht nur ein erfahrener Chirurg, sondern auch ein empathischer Mensch, ermutigte die 90-Jährige ausdrücklich dazu. Sein Credo: „Man muss nicht nur das kalendarische, sondern auch das biologische Alter berücksichtigen.
Das biologische Alter kann erheblich vom chronologischen Alter abweichen. Wie wir altern, ist individuell und hängt von unseren Genen, aber auch von der Lebensweise ab. Amalie war fit und wirkte wild entschlossen, sich ihre Lebensqualität zurückzuholen. Warum sollte sie diese Chance also nicht nutzen, nur weil sie hochbetagt ist?“
Um den Tumor so schonend wie möglich zu entfernen, setzte Angele einen OP-Roboter ein. Amalie hatte Glück, dass sich noch keine Metastasen gebildet hatten und die Lymphknoten nicht von Krebszellen befallen waren. Sie brauchte weder Chemotherapie noch Bestrahlung, erholte sich schnell. Schon nach sieben Tagen verließ die Seniorin das Klinikum.
Heute kommt sie mit ihrer Erkrankung gut zurecht, geht regelmäßig zur Kontrolle, verspürt aber keine größeren Einschränkungen mehr. „Es war nicht einfach, mit der Krebsdiagnose umzugehen, man weiß ja auch nicht, was auf einen zukommt“, erzählt sie bei einem alkoholfreien Après-Ski-Bier an der Iglu-Bar. „Ich habe beispielsweise lange überlegt, ob ich mir überhaupt noch mal einen Saisonpass für die Zugspitze kaufen soll.“ Er hat sich gelohnt – und noch viel mehr ihre positive Lebenseinstellung und ihr Kampfgeist. „Ich hoffe, dass dank des medizinischen Fortschritts auch viele andere Krebspatienten solche schönen Erlebnisse genießen können.“