Bremen – Wenn die Märzsonne schräg durchs Fenster fällt, beleuchtet sie gnadenlos, was im Dunkeln verborgen war: die Fingerabdrücke auf der Scheibe, den Staub auf dem ungelesenen Zeitschriftenstapel, das Schuh-Schal-Schirm-Chaos im Flur. „Also, bei mir ist das immer so: Wenn ich vor einem Haufen Chaos stehe, denke ich: Juhu, das dürfen wir jetzt organisieren!“, sagt Ordnungscoachin Laura Alexander. Sie hat ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht und hilft Menschen dabei, sich von materiellem Ballast zu befreien und dabei Klarheit zu gewinnen. „Denn was im Keller verstaubt, blockiert oft auch im Kopf“, sagt sie.
Dass im Frühjahr der Tatendrang wächst, ist kein Zufall, weiß der Berliner Molekularmediziner Michael Bader: „Wenn die Tage länger werden, regt das Licht unter anderem die Produktion von Serotonin an. Das Glückshormon sorgt für Gelassenheit, Zufriedenheit und gute Laune. Außerdem macht es den Kopf klar für Entscheidungen, die man im Winterblues vor sich hergeschoben hat“, sagt der Professor, der zu Serotonin und seinen Wirkmechanismen forscht.
Im japanischen Buddhismus gilt Putzen sogar als spirituelle Praxis: „Wir entfernen den Schmutz, um den Geist von weltlichen Sorgen zu reinigen. Wir putzen den Dreck weg, um uns von Verhaftungen zu lösen“, schreibt der buddhistische Priester Shoukei Matsumoto in seinem Buch „Die Kunst des achtsamen Putzens“.
Erkenntnisse, von denen Ordnungscoachin Alexander profitiert. Doch: „Wenn die Schwiegermutter zu Besuch kommt und alles schnell im Schrank verschwindet, ist das zwar Aufräumen – aber das hilft nur kurzfristig.“ Wirkliche Veränderung entstehe erst durchs Organisieren. Also durch bewusstes Entscheiden: Was soll bleiben? Was darf gehen? Und wo findet das, was bleibt, seinen festen Platz?
Unordnung blockiert die Konzentration
Viele Menschen würden gerne wieder Platz für Hobbys haben, entspannt kochen oder sich im Homeoffice besser konzentrieren, erläuterte Alexander. Doch stattdessen blockieren übervolle Schränke und das ständige Gefühl, „eigentlich mal aufräumen zu müssen“.
Warum fällt vielen das Organisieren so schwer? „Weil Dinge mehr sind als Dinge“ sagt Alexander. Sie stehen für Erinnerungen, Hoffnungen oder schlechtes Gewissen, weil sie teuer waren. „Viele haben nicht gelernt, etwas wegzugeben.“ Alexander rät, schrittweise vorzugehen: „Wie möchte ich eigentlich wohnen? Will ich Dokumente schneller finden oder endlich wieder zum hinteren Schrank im Keller durchkommen?“ Sind diese Fragen geklärt, kann das Aussortieren beginnen – und zwar nach Gruppen getrennt, zum Beispiel alle Jacken auf einmal. „Wenn nur noch Lieblingsstücke übrigbleiben, greift man automatisch zu Dingen, die man gerne trägt.“
Forschende der University of California konnten anhand von Cortisolwerten belegen, dass eine unordentliche Umgebung mit einem erhöhten Stresspegel zusammenhängt. Wer putzt und organisiert, erlebt sich als jemand, der etwas verändern kann, und sammelt Erfolgserlebnisse, lautet die Erkenntnis der Wissenschaft.ANNETTE BAIMLER-DIETZ