Heimkosten werden zum Sorgenkind. Für Einrichtungsleiter Georg Sigl-Lehner braucht es ein Umdenken. © Kahnert/dpa
München – Es sind bis zu 20 Anfragen in der Woche, die das Alten- und Pflegeheim St. Klara in Altötting bekommt. Doch ein Heimplatz ist längst nichts Selbstverständliches mehr. „Wir können in der Regel – wenn überhaupt– alle zwei Wochen einen Platz zur Verfügung stellen“, sagt Einrichtungsleiter Georg Sigl-Lehner. Damit stehen pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen vor der großen Frage: Bekomme ich noch die notwendige Unterstützung?
Sigl-Lehner ist seit 33 Jahren in der Altenpflege tätig. Er weiß: „Momentan werden die Menschen noch relativ sicher versorgt.“ Doch in fünf bis zehn Jahren sehe die Situation anders aus. „Wenn wir bei dieser Form der Versorgung bleiben, werden wir ein echtes Versorgungsproblem bekommen“, prognostiziert der Heimleiter.
In Bayern blickt die Bevölkerung bereits besorgt auf die Zukunft der Pflege, wie eine aktuelle Allensbach-Umfrage im Auftrag der Krankenkasse DAK-Gesundheit zeigt, die unserer Zeitung vorliegt. Demnach gehen knapp 47 Prozent der Bayern davon aus, dass sich die Pflegeversorgung in den nächsten zehn Jahren etwas oder sogar deutlich verschlechtert.
Vor allem die hohen Kosten und der Personalmangel bereiten den Menschen Sorge. Laut DAK-Report sehen 70 Prozent der Bayern die Heimkosten für die Pflegebedürftigen und ihre Familien als größtes Problem an. 68 Prozent befürchten zu wenige Pflegekräfte. 64 Prozent sehen in der Finanzierung des gesamten Pflegesystems die künftig größte Belastung.
Doch auch schon jetzt blicken die Menschen skeptisch auf das Pflegesystem. So empfinden es 85 Prozent der Bayern als ungerecht, nach jahrelanger Einzahlung in die Pflegeversicherung nicht ausreichend abgesichert zu sein. Fast genauso oft (83 Prozent) wird die Pflege als nicht mehr bezahlbar angesehen. Knapp drei Viertel (73 Prozent) sehen sich finanziell überfordert, wenn sie einmal pflegebedürftig sind, und bewerten Pflege als Armutsrisiko.
Der Druck ist groß. „Wir brauchen jetzt eine tiefgreifende Reform mit einer strukturellen Neuausrichtung der Pflegeversicherung, die die Finanzierung und Versorgung nachhaltig sichert und den Menschen in Bayern wieder Vertrauen, Verlässlichkeit und finanzielle Sicherheit gibt“, fordert Rainer Blasutto, DAK-Landeschef.
Als konkrete Maßnahmen fordern 72 Prozent, dass die Kosten für Heimplätze gedeckelt werden, und 71 Prozent wünschen sich, dass die Leistungen der Pflegeversicherung einfacher und übersichtlicher werden. Übrigens: Über die Hälfte wünscht sich, dass zur Absicherung der Pflege Steuermittel eingesetzt werden.
Für Heimleiter Georg Sigl-Lehner braucht es einen Systemwechsel, weg von der Pflege in Heimen. „Die Menschen werden und wollen zu Hause versorgt werden“, sagt er. Doch dieser schon jetzt große Personenkreis der pflegenden Angehörigen werde „sträflich alleingelassen – seit vielen Jahren“. Für sie brauche es mehr Unterstützung und den Fokus auf Prävention und die Versorgung zu Hause zu legen. Denn: „Bei uns beginnt professionelle Pflege erst dann, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist.“LEONIE HUDELMAIER