Das Rezept für Notaufnahmen ohne Wartezeit

von Redaktion

Tim Flasbeck hat in Cottbus ein erfolgreiches Konzept umgesetzt – nun führt er es auch an der München Klinik ein

Tim Flasbeck, Direktor für Notfallmedizin. © privat

Vor der Notaufnahme der München Klinik in Bogenhausen hält ein Rettungswagen mit einem Patienten. © Klaus Haag

München – Tim Flasbeck hat in Cottbus ein neues Notaufnahme-Konzept aufgebaut. Keine Wartezeiten, keine überlasteten Pflegekräfte und Ärzte mehr, dafür kürzere Wege und höhere Kapazitäten. Das hat für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Aus der ganzen Welt kamen Besucher, um das Konzept kennenzulernen. Es sei keine Zauberformel, sondern in jeder Klinik umsetzbar, betont Flasbeck. Im Juni ist der 50-Jährige als Direktor für innerklinische Notfallmedizin an die München Klinik gewechselt – um die Notaufnahmen an den Standorten Schwabing, Bogenhausen, Neuperlach und Harlaching umzustrukturieren.

Der Druck auf die Notaufnahmen ist heute deutlich höher als noch vor 20 Jahren, erklärt er. Die Menschen werden älter, haben mehr Leiden. Gleichzeitig sind viele Hausarztstellen unbesetzt, sodass viele Patienten auch mit Fällen in die Notaufnahme kommen, mit denen sie eigentlich in eine Arztpraxis müssten. „Pro Jahr steigt die Zahl der Patienten in den Notaufnahmen um 3,5 Prozent.“ In Großstädten sogar noch mehr.

Flasbeck will die Patientensteuerung verbessern. In Cottbus – und künftig in München – läuft es so: Alle Patienten werden an einem zentralen Tresen von einer Pflegekraft empfangen. Nach einem standardisierten Triage-Prozess werden alle medizinisch ersteingeschätzt. Weniger dringliche Fälle, etwa ein eingewachsener Fußnagel, werden nicht abgewiesen, sondern in ein medizinisches Versorgungszentrum der Klinik weitergeleitet, erklärt er. Oder in eine telemedizinische Behandlungseinheit, in der am Bildschirm ein hausärztlicher Ansprechpartner zur Verfügung steht. Dafür gibt es eine Kooperation mit dem größten Anbieter telemedizinischer hausärztlicher Sprechstunden.

In der Notaufnahme landen nur noch echte Notfälle. Für diese Triage, also eine schnelle, sichere Einordnung der Patienten, müssen alle Kräfte einheitlich geschult werden. Das hat an der München Klinik bereits begonnen. Aber auch die Notaufnahmen selbst müssten verändert werden. Nicht nur konzeptionell, auch räumlich. „In der Notaufnahme in Cottbus sind Pflegekräfte pro Schicht früher 14,3 Kilometer gelaufen“, sagt Flasbeck. Außerdem haben sie pro Schicht 90 bis 120 Minuten telefoniert, um für ihre Patienten ein Bett auf Station zu organisieren. Nach der Umstrukturierung laufen die Pflegekräfte nur noch 1,6 Kilometer pro Schicht und telefonieren so gut wie gar nicht mehr. Jede Notfall-Pflegekraft hat einen zentralen Stützpunkt, von dem aus sie alle ihr zugeteilten Patientenbetten im Blick hat.

In allen vier Notaufnahmen der München Klinik werden einheitliche Standards eingeführt, welche Untersuchungen und Behandlungen bei welchem Symptom erforderlich sind. Die Patienten, die versorgt sind, werden auf eine Zwischenstation verlegt und dort von anderen Pflegekräften versorgt, bis ein Bett auf Station frei ist. Die Plätze in der Notaufnahme können schneller neu vergeben werden, das Telefonieren fällt weg. Bis Ende des Jahres werden in München Ergebnisse sichtbar sein, verspricht er.KATRIN WOITSCH

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