Es muss schnell gehen: Jana Sommer bringt einen Patienten auf Station.
Herzinfarkt: Jana Sommer (Mitte) und ihre Kollegen versorgen den Patienten nach der Akutbehandlung. © Klaus Haag (3)
München – Jana Sommers Schicht beginnt mit einem Herzinfarkt. Und mit der Nachricht, dass ihre Kollegin krank ist und ausfällt. Die 34-jährige Notfallpflegerin arbeitet seit neun Jahren in der Notaufnahme der München Klinik Bogenhausen. Aus der Ruhe bringt sie so schnell nichts. „Man muss einen kühlen Kopf bewahren.“ Auch an Morgenden wie diesem, wenn ein Patient nach dem anderen eingeliefert wird.
Der Herzinfarkt-Patient ist auf die Intensivstation verlegt worden. Genau wie ein Mann, der mit Verdacht auf Schlaganfall eingeliefert wurde. Nicht immer geht das so schnell. Wenn auf der Station kein Bett frei ist, werden die Patienten weiter in der Notaufnahme versorgt – und blockieren dort ein Bett für neue Notfälle. Vor Jana Sommer liegen jetzt noch sieben Stunden bis zum Ende ihrer Schicht. Ihre Kollegin Verena, die als Springer eingeteilt ist, kann sie unterstützen. Außerdem sind zwei Ärzte im Akutbereich der Notaufnahme. Und jede Menge Patienten.
In einem Bett liegt ein junger Mann, der nach dem Fußballtraining Schmerzen in der Brust spürte. Neben ihm, hinter einer Trennwand, eine Frau mit kritisch niedrigem Blutdruck. Außerdem ein älterer Mann mit Kreislaufproblemen und eine Frau, die einen Krampfanfall hatte. Sechs Betten gibt es im Akutbereich. Wenn alle belegt sind, muss sich die Notaufnahme abmelden. Dann werden Rettungswagen zu anderen Kliniken umgeleitet. Außerdem gibt es zwei Schockräume für Unfallopfer.
Die Nachtschicht übergibt an die Tagschicht, die Ärzte wechseln. Vorher geht das Notaufnahme-Team von Bett zu Bett, bespricht jeden Fall. „Jana, darf ich mir ein EKG wünschen?“, fragt der Arzt, der den Fußballer nachts aufgenommen hat. Noch ist unklar, was die Ursache für die Brustschmerzen ist. Es könnte eine Herzmuskelentzündung sein. Sein Blut muss ins Labor. Doch bevor sich Jana Sommer darum kümmern kann, blinkt auf einem Bildschirm ein rotes Licht. Alle Blicke wandern zum Monitor, auf dem die Informationen von der Rettungsleitstelle zu sehen sind. Ein Krankenwagen bringt einen Patienten, der reanimiert werden musste. Er wird in 20 Minuten eintreffen.
Das ist nicht viel Zeit, um alles vorzubereiten – aber oft hat Sommer viel weniger Zeit. Sie schiebt ein frisches Bett dorthin, wo vorhin der Herzinfarkt-Patient lag, zieht Spritzen auf, bereitet die Beatmungsmaske vor, schiebt Geräte ans Bett. Noch fünf Minuten. Das reicht, um dem Fußballer Blut abzunehmen und die Probe ins Labor zu bringen. Und um einen Blick auf die Werte der anderen Patienten zu werfen.
Dann ist der Rettungsdienst da. Das Herz des Patienten schlägt wieder, aber er muss beatmet werden. Der Mann hat Drogen konsumiert, welche ist unklar. Er ist bewusstlos, wurde reanimiert und intubiert, seine Körpertemperatur ist auf kritische 30 Grad gefallen. Jana Sommer entfernt die Zugänge, die die Sanitäter gelegt hatten, der Arzt muss neue legen. Dann kümmert sie sich um den Beatmungsschlauch und befestigt Elektroden am Körper, um alle Vitalwerte überwachen zu können. Drei Ärzte und beide Pflegekräfte stehen am Bett, jeder Handgriff ist auf den der anderen abgestimmt.
Der Mann hat keine gute Prognose, seine Organe sind geschädigt. Er soll auf die Intensivstation. Aber dort ist kein Bett frei – also muss der Herzinfarkt-Patient von morgens zurück in die Notaufnahme. Sommer macht den Bewusstlosen transportbereit. Ein Arzt hilft ihr, ihn zur Intensivstation zu bringen – ihre Springer-Kollegin wird woanders gebraucht.
Die Wege in der Klinik sind weit. Jana Sommer trägt einen Schrittzähler am Knöchel. „Meistens komme ich in einer Schicht auf 15.000 Schritte“, sagt sie. Obwohl die sechs Betten im Akutbereich nur wenige Meter auseinanderstehen. Sobald ein Patient verlegt oder entlassen wird, dauert es nicht lang, bis der Platz neu belegt ist. Der Herzinfarktpatient ist jetzt wieder da. Er braucht eine OP. Bis auf der herzchirurgischen Station alles für ihn vorbereitet ist, muss er in der Notaufnahme warten. Die Frau mit dem Krampfanfall darf nach Hause, ihre Werte sind gut. Ihren Platz nimmt eine Frau ein, die von ihrem Hausarzt in die Notaufnahme geschickt wurde, weil sie seit Tagen Kopfschmerzen hat. Jana Sommer bereitet EKG und Blutuntersuchung vor. Der Fußballer müsste zum CT gebracht werden, danach soll er auf die Kardiologie. Die Station hat schon angerufen, wollte wissen, wo er bleibt. Aber Jana Sommer ist die einzige Pflegekraft und kann nicht weg.
Jeder Fall in der Notaufnahme muss im System dokumentiert werden. Dazu kommt Jana Sommer an diesem Tag erst viel später. Gerade ist ein Mann eingeliefert worden, der von seinem Kardiologen mit Brustschmerzen überwiesen wurde. Sie schließt ihn ans EKG an. „Es kann ein bisschen dauern, gerade ist viel los“, sagt sie. Zeit für ein Lächeln hat sie aber. Der Mann ist entspannt, dankt ihr.
In der Notaufnahme passiert alles gleichzeitig. Bis zu 100 Notfälle werden in Bogenhausen jeden Tag versorgt. Ziel ist, dass keiner länger als 90 Minuten bleibt. Doch letztlich hängt es davon ab, wie schnell die Patienten auf Station verlegt werden können. Zwei Pflegerinnen bringen das Bett mit der Patientin mit dem niedrigen Blutdruck zurück von der Station. Ein Missverständnis, dort war kein Platz frei. Sie muss in der Notaufnahme warten. Jana Sommer will sich gerade ums Dokumentieren kümmern, als der Rettungsdienst einen neuen Patienten bringt. Er hatte einen epileptischen Anfall. Noch bevor sie mit dem EKG beginnt, kommt die nächste Nachricht übers Leitstellensystem: zwei weitere Patienten mit epileptischen Anfällen sind unterwegs. Im Akutbereich ist kein Bett mehr frei. Die Notaufnahme muss sich abmelden, ein Krankenwagen wird umgeleitet in eine andere Klinik. Der andere ist fast da, aber der Patient ist stabil. Er kann im Rettungswagen versorgt werden, bis ein Bett frei ist. Jana Sommers Schicht geht noch drei Stunden. Bisher hatte sie weder Zeit, einen Schluck zu trinken, noch, sich kurz hinzusetzen. „Montag und Freitag sind immer die schlimmsten Tage“, sagt sie. „Keiner weiß wieso.“
An diesem Montag werden noch drei Patienten eingeliefert. Ein Schlaganfall, ein Mann mit Brustschmerz, ein Rentner mit Sepsisverdacht. Am Ende ihrer Acht-Stunden-Schicht hat Jana Sommer zwölf Patienten versorgt. An solchen Tagen ist sie froh, wenn ein Dienst zu Ende ist, sagt sie. „Trotzdem liebe ich meinen Job.“ Dann fährt sie nach Hause. Morgen um 6 Uhr früh beginnt ihre nächste Schicht. Und wie immer weiß sie nicht, was sie erwartet.