Den verlorenen Millionen auf der Spur

von Redaktion

Die Transamerica-Pyramide in San Francisco (großes Bild) wurde zum Millionen-Grab. Die BVK investierte auch in andere US-Immobilien, darunter das 711 Fifth Avenue in Manhattan/New York (bekannt als ehemaliges Coca-Cola-Building, li.), das „The Red“-Hochhaus in Chicago, und das Raleigh-Luxushotel in Miami Beach (re.). © imago

München – 1969 erbaut, etwa 260 Meter hoch und bis 2018 das höchste Gebäude in San Francisco: Die Transamerica-Pyramide ist nicht nur ein etwas in die Jahre gekommenes Wahrzeichen der kalifornischen Metropole – sondern mittlerweile auch ein Symbol für die problematischen Immobiliengeschäfte der Bayerischen Versorgungskammer (BVK) in den USA. Hunderte Millionen Euro dürfte die altehrwürdige Pensionskasse damit verloren haben. Doch was heißt das für die fast drei Millionen Versicherten, unter denen etwa Ärzte, Architekten, Apotheker, Beamte oder Schornsteinfeger sind? Das haben wir BVK-Chef Axel Uttenreuther gefragt.

Herr Uttenreuther, die BVK steht wegen hoher Verluste mit fragwürdigen Immobiliengeschäften in den USA in der Kritik. Müssen Ihre Kunden um ihre Altersvorsorge bangen?

Ganz sicher nicht! Die Altersvorsorge bei der Bayerischen Versorgungskammer ist und bleibt sicher. Wir haben 2,8 Millionen Versicherte und wir werden keinem davon die Leistungen kürzen. Darauf können sich unsere Versicherten verlassen. Aber natürlich nehmen wir die Sorgen unserer Versicherten sehr, sehr ernst. Es ist mir wichtig, das zu betonen.

Der Schaden ist aber groß, oder? Immerhin stehen 1,6 Milliarden Euro im Feuer.

Wir haben 1,6 Milliarden Euro mit Deutsche Finance Group und Shvo investiert. Das ist ohne Frage viel Geld. Bezogen auf unsere gesamte Anlage sind es aber nur 1,3 Prozent. Das maximale Verlustrisiko haben wir im Dezember auf 853 Millionen Euro beziffert. Denn 770 Millionen Euro stecken in vermieteten Bestandsimmobilien in guter Lage. Erhöhte Risiken gibt es bei drei Renovierungs- und Entwicklungsprojekten. Zu diesen gehört auch die Transamerica-Pyramide in San Francisco, die mittlerweile aber verkauft ist.

Können Sie die Verluste durch den Verkauf jetzt genauer beziffern?

Eine exakte Zahl können wir noch nicht nennen. Es wurde Stillschweigen über den Preis vereinbart. Und wir sind auch nicht der einzige Investor.

Ist das ein Fass ohne Boden?

Nein! Der tatsächliche Verlust könnte etwas niedriger sein als die genannten 853 Millionen Euro. 288 Millionen Euro wurden Ende November 2025 bereits verbucht. Damit bleiben weitere 565 Millionen Euro als Verlustrisiko.

Wieso geht eine bayerische Pensionskasse riskante Geschäfte in den USA ein?

Wir haben das bewusst im Rahmen unserer Anlagestrategie und im Einklang mit dem Risikomanagement gemacht. Während der Nullzinsphase war das die einzig sinnvolle Strategie. Früher haben wir stark auf Staatsanleihen gesetzt. Wegen der Niedrigzinsen mussten wir aber innerhalb klar definierter Grenzen etwas stärker ins Risiko gehen, um die Renditen für die Altersvorsorge unserer Versicherten zu erwirtschaften. Dafür haben wir unter anderem in Immobilien investiert, zur Diversifizierung auch in den USA, was aus damaliger Sicht sehr attraktiv war. Sachverständige haben die Investitionen geprüft. Dann haben die Corona-Pandemie und der rasante Zinsanstieg einzelne Projekte in Schieflage gebracht. Wissen Sie, was mich an der Sache ärgert?

Was denn?

Wären wir nicht schon vor Jahren etwas stärker ins Risiko gegangen, hätten wir unsere Zinsanforderungen nicht erreichen können. Wir haben durch die frühe Weiterentwicklung unserer Anlagestrategie etwa zwölf Milliarden Euro mehr erwirtschaftet. Nur deshalb konnten wir trotz Minuszinsen immer unsere Zusagen erfüllen, was in dieser Zeit nicht selbstverständlich war. Und dennoch wird heute nur über die Verluste gesprochen.

Das liegt auch an Ihren Partnern: Michael Shvo, ein Immobilienmakler und Steuerbetrüger, und die Deutsche Finance Group.

Herr Shvo war nie Vertragspartner der BVK. Unsere Kapitalverwaltungsgesellschaft hat für die BVK über eine Dachfonds-Struktur in die US-Immobilien investiert. Beraten wurden die Zielfonds durch die Deutsche Finance. Faktisch hatten Deutsche Finance und Shvo die einzelnen Investitionsobjekte bereits im Vorfeld identifiziert.

Sehen Sie die BVK in diesem Fall auch als Opfer?

Ich nenne hier explizit keine Namen. Aber im Nachhinein muss man leider sagen, dass wir Projektpartner hatten, die unsere Erwartungen nicht erfüllt haben.

Die Deutsche Finance sagt, sie habe mit der Auswahl der Projekte gar nichts zu tun gehabt.

Diese Aussage irritiert uns sehr. Kennen Sie den Spruch, der Erfolg hat viele Väter, der Misserfolg nur einen? Fest steht, dass die Deutsche Finance in verschiedenen Rollen maßgeblich an den Investments beteiligt war.

Haben Sie Regressforderungen an Herrn Shvo oder die Deutsche Finance gerichtet? Es geht immerhin um hunderte Millionen …

Es versteht sich von selbst, dass die BVK etwaige Schadensersatzansprüche prüft. Wo immer sich belastbare Ansprüche ergeben, werden wir diese auch geltend machen.

Drohen Verjährungsfristen?

Das haben wir im Blick. Wir arbeiten mit renommierten Kanzleien zusammen.

Eine auf Finanzskandale spezialisierte Kanzlei prüft rechtliche Schritte gegen Sie. Sind Sie besorgt?

Nein. Wir haben keinem einzigen unserer Versicherten Altersvorsorge oder Rente gekürzt. Mir ist deshalb nicht klar, auf welcher rechtlichen Grundlage man agieren will. Die Immobilien sind beim Kauf geprüft worden, auch nach unseren aufsichtsrechtlichen Vorgaben. Solche Fondsstrukturen sind branchenüblich.

Trotzdem befürchten Kritiker, dass die US-Probleme nur die Spitze des Eisbergs sind. Sie haben zum Beispiel auch Geschäfte mit René Benko und der insolventen Signa gemacht.

Kein Investment ist komplett risikolos. Wir haben aber bei Signa keinen einzigen Cent verloren. Das wird auch so bleiben.

Was tun Sie, um vergleichbare Fälle in Zukunft zu vermeiden?

Wir setzen alles daran, dass man sich so schnell wie möglich von verantwortlichen Projektpartnern trennt. Das liegt aber nicht alleine in unseren Händen. Wir haben hier keine direkten vertraglichen Beziehungen. In Zukunft werden wir aber auch bei indirekten Partnern noch viel genauer nachforschen. Etwa, ob relevante Verfahren anhängig sind. Wir haben außerdem einen erfahrenen Investmentmanager angeheuert, um unseren Immobilienbereich weiter voranzubringen.

Was ist mit dem Kundenkontakt? Da gab es viele Beschwerden und Anrufe.

Hier haben wir aus der Situation gelernt und reagiert. Wir haben zum Beispiel unsere Versicherten angeschrieben und einen eigenen Informationsbereich auf der Webseite aufgebaut. Das ist das erste Mal in 33 Jahren bei der BVK, dass ich so einen Fall erlebe. Die BVK ist eine über 100 Jahre alte Institution, die in der Hyperinflation geboren wurde und schon viele wirtschaftliche Krisen durchstanden hat. Wir werden auch diese Herausforderung meistern.

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