Der Sieger kommt: Dominik Krause in der Münchner Muffathalle. © Michaela Stache
Spaß mit dem Team: Dominik Krause steht mit Wahlhelfern auf der Bühne. © Sven Hoppe/dpa
Große Party: Dominik Krause steht in der vollen Muffathalle und genießt, während sein Verlobter Sebastian Müller sich die Tränen aus den Augen wischt. Morgens hatte er in einer Giesinger Grundschule gewählt. © Hoppe/Stache/Grüne
München – Um 19.14 Uhr gibt es kein Halten mehr. Es sind erst 655 von 926 Gebieten in München ausgezählt, aber Dominik Krause liegt schon uneinholbar vorn. „Dominik, Dominik“ schallt es durch die Muffathalle, obwohl der künftige Oberbürgermeister noch gar nicht da ist. Aber alle wissen: Hier wird heute Stadtgeschichte geschrieben. Menschen fallen sich in die Arme, einige wischen sich Tränen aus den Augen. „Es unglaublich, dass Markus Söder auf der Wiesn künftig die erste Maß aus den Händen eines grünen OB bekommt“, freut sich Katharina Schulze, Fraktionschefin im Landtag. Aber dann wird sie ernst: „Es gibt einfach das starke Gefühl, dass man diese Stadt gestalten und nicht nur verwalten muss.“
Es stimmt: So politisiert wie zuletzt kannten die Münchner ihre Stadt gar nicht. In den Wirtshäusern im Schlachthofviertel wurde ebenso über diese Stichwahl diskutiert wie beim Aperol Spritz an der Maximilianstraße. Und schon da war so etwas wie Wechselstimmung zu spüren. Am Samstag schickte sogar die „Giesinger“ Brauerei eine Wahlempfehlung für Krause an ihre Stammkunden, weil der sich für den Plan einsetzen könnte, die junge Brauerei aufs Oktoberfest zu bringen. Ein kleines Beispiel für die Hoffnung auf frischen Wind im Rathaus.
„Es ist der helle Wahnsinn“, sagt Krause, als er schließlich auf der Bühne der Halle steht. Immer wieder unterbrochen von den „Dominik, Dominik“-Rufen. Er verspreche, die Aufbruchstimmung von der Straße nun ins Rathaus zu bringen. Mobilitätswende, Wohnungskrise, Verkehrschaos. „Die Münchnerinnen und Münchner wollen, dass sich was tut in der Stadt. Und das ist die eigentliche Sensation an diesem Sonntag.“
Aber der Erfolg liegt natürlich auch an Krause selbst. Rückblende. Dienstagmorgen, 7.34 Uhr am Candidplatz in Untergiesing. Noch fünf Tage bis zur Stichwahl. Der 35-Jährige kniet sich rein – und nieder. Zu zwei Kindern auf dem Weg in die Grundschule. Zwei Fans, es gibt Selfies und Brezn. 1000 davon haben die Grünen Wahlkämpfer herstellen lassen, zudem noch ein gewaltiges Laugengebäck. Keine Brezn. „Das ist ein D wie Dominik“, sagt Grünen-Fraktionschefin Mona Fuchs. Auch das wird verteilt. Ein Stück Krause für jeden.
Dominik Krause ist am 3. August 1990 in München geboren und in Obermenzing aufgewachsen (siehe Kasten). Als Kind war er am liebsten draußen – stundenlang unterwegs mit Freunden. Auch heute zieht es ihn raus in die Natur: zum Joggen an die Isar, zum Wandern in die Berge. Doch in den letzten Tagen legte er einen Marathon hin. Wahlkampf bis in die Nacht, auch eine gute Kampagne im Internet. Der Grüne gab dabei vor allem den Pragmatiker, der sich nicht nur um Radler, sondern auch um Lieferzonen und Handwerkerparkplätze kümmert. Krause wird oft als Vertreter des linken Flügels der Grünen dargestellt. Zumindest im Wahlkampf gab es keine Hinweise darauf.
Krause gilt schon länger als politisches Talent. „Ich habe noch nie einen so jungen Menschen getroffen, der schon in dem Alter so blitzgescheit ist, so viel politisches Verständnis hat“, sagte mal jemand aus seinem direkten Umfeld. Das war 2023, kurz nachdem Katrin Habenschaden ihr Amt als Bürgermeisterin aufgab, Krause zum neuen zweiten Bürgermeister gewählt wurde. Da war Krause 33. Erst knapp eineinhalb Jahre zuvor war er Fraktionsvorsitzender geworden. Zu schnell, zu hoch, sagen manche. „Er wirkt oft überfordert“, heißt es auch. Ab sofort steht er voll im Scheinwerferlicht.
Andere loben derweil seine offene Art. Er kommt ohne Scheu ins Gespräch, auch am Candidplatz. Es geht um Wohnungen, um Mieten, Schwimmunterricht oder Kitaplätze. Krause vermittelt, dass er zuhört, sich kümmert. Und der Physiker geht analytisch vor. „Wenn ein Problem auftaucht, erfolgt immer eine sehr breite Bestandsaufnahme“, sagen Weggefährten. Er besorge sich Zahlen, höre sich verschiedene Standpunkte an, treffe dann eine Entscheidung und sei in der Lage, diese auch in Debatten zu vertreten. Nicht umzufallen. „So gelingt es ihm oft, Leute zusammenzuführen und Kompromisse zu finden.“
Gegner sehen in der langen Meinungsfindung dagegen eher Unentschlossenheit. „Er entscheidet wenig bis gar nix“, sagt ein Insider. Katrin Habenschaden habe als Bürgermeisterin wenigstens noch Akzente gesetzt. Die 49-Jährige dürfte sich an diesem Abend besonders ärgern: Als Markus Söder die Altersgrenze für Politiker kippte (eine „Lex Reiter“), floh sie zur Deutschen Bahn nach Berlin.
So ist es eben Nachfolger Krause, der in München Geschichte schreibt. Weil er mobilisiert. Den ganzen Tag über wird gerechnet. Die Wahlbeteiligung entscheidet! Klar ist: Die Grünen-Wähler sind hoch motiviert. Aber was machen die Anhänger der gerupften Münchner CSU? Folgen sie dem Wahlaufruf der Partei für Dieter Reiter oder bleiben sie lieber zu Hause? Als morgens von 300.000 Briefwählern die Rede ist, schöpft die SPD Hoffnung. Nachmittags aber wird die Beteiligung immer schwächer. Das Wetter! Die interne Rechnung der Genossen: Ab 45 Prozent Beteiligung reicht es für Reiter, bei 44 Prozent gewinnt Krause. Am Ende sind es deutlich über 45 – und Krause liegt trotzdem haushoch vorn. Die Innenstadt hat komplett grün gewählt. Und der Plan der SPD, die Ränder der Stadt zu holen, ging zumindest im Süden und Norden nicht auf.
Markus Söders Staatskanzlei steht also künftig in einer Stadt mit grünem Oberbürgermeister und vermutlich einer linken Koalition. Theoretisch ist zwar eine Stadtrats-Mehrheit mit der CSU möglich, nach deren Wahlempfehlung aber unwahrscheinlich. Eine Mehrheit hätte auch das bisherige Bündnis aus Grünen (21), SPD (15), Volt (4) und Rosa Liste. Krause hat bereits angekündigt, dass er hier zuerst Gespräche aufnehmen will. Dabei hilft sicher, dass der Wahlkampf mit Reiter sehr fair verlief. Aber auch die SPD muss sich nach dem Aus des OB erst einmal neu sortieren.
Dass sich etwas ändern wird in der Stadt, wird schon klar, als die Stadtratsfraktion auf die Bühne geholt wird. Eine bunte Truppe ist das. Krause bedankt sich bei ihnen, vor allem aber auch bei der Grünen Jugend für den unglaublichen Wahlkampf. Hier wird es Erwartungen geben an den neuen OB.
Und dann bittet Krause noch die „Liebe meines Lebens“ nach vorn. Den Arzt Sebastian Müller. Dann küssen sich beide innig. Die Muffathalle jubelt.