„Für mich ist das Beschiss am Kunden“

von Redaktion

„Wir hatten Schlangen von Autofahrern“, berichtet Simon Schuster (Bild oben), Betriebsleiter der Mp-21 in Murnau, von der ersten Woche nach Kriegsbeginn. Die Säulen zeigen die Preise vom Dienstag an einer Tankstelle in Kufstein kurz nach der Grenze zu Österreich (links) und bei Kiefersfelden kurz vor der Grenze. © Andreas Mayr/Magdalena Aberle (2)

München/Murnau – Frust, Ärger und Vorwürfe: Viele Tankstellenbetreiber spüren in diesen Tagen direkt, was die Kunden an der Zapfsäule bewegt. Wegen des Iran-Kriegs liegen die Preise für Sprit nahe an den Allzeithochs. Doch wer verdient daran? Die Tankstellen sind es offenbar nicht. „Schon zum Jahreswechsel hat mein Händler die Preise um acht Cent pro Liter Superbenzin erhöht“, sagt Georg Kern. Er betreibt die Tankstelle Mp-21 in Murnau im Kreis Garmisch-Partenkirchen. „Die Begründung war: gestiegene Kosten für CO₂-Zertifikate und die Treibhausgasminderungs-Quote.“ Im Laufe des Jahres sollten noch mal neun Cent dazukommen.

Ende Februar dann der große Schock: „Am Freitag vor dem Iran-Krieg sind die Spritpreise an der Börse schon ein paar Cent gestiegen“, erinnert sich Tankstellenbetreiber Kern. Am Samstag dann begannen die USA und Israel ihre Angriffe auf den Iran – an den Börsen explodierten die Rohstoffpreise. „Montagfrüh hatte ich meinen Händler angerufen. Da war der Preis schon um zehn Cent pro Liter gestiegen“, sagt Kern. „Und ich dachte: Nein, da kauf’ ich nicht, das wird wieder günstiger. Falsch gedacht: Dann ging es erst richtig los!“

Die Reaktion der Autofahrer: In der ersten März-Woche standen sie an der Mp-21 Schlange: „Da haben meine Tanks drei Tage gehalten, dann musste ich zu den gestiegenen Preisen nachkaufen“, sagt Georg Kern. „Bei den Kunden war jede Meinung dabei: Die einen waren wütend auf uns, weil sie gemeint haben, wir verdienen uns eine goldene Nase. Die anderen haben verstanden, dass das Geld bei den Öl-Multis und dem Staat hängen bleibt.“

Und tatsächlich: Selbst bei einem Preis von 2,08 Euro für den Liter E10 bekommt die gesamte Wertschöpfungskette – von der Ölförderung über die Raffinerie bis hin zur Tankstelle – nur 94 Cent. Der Rest sind Steuern und Abgaben.

„Wir geben die gestiegenen Kosten weiter, können aber nicht beliebig aufschlagen“, sagt Georg Kern. „Die Margen bleiben eng.“ Konkret: „Wenn ich unter der Marke von einem großen Öl-Konzern verkaufen würde, bekäme ich netto 2,5 Cent pro Liter. Als freier Betreiber ist es etwa doppelt so viel. Der Sprit kostet aber gerade 2,06 Euro.“ Kern will fair bleiben, von den vielen Preissprüngen hält er nichts: „Manche Betreiber ändern den Preis achtmal am Tag“, sagt er. „Für mich ist das Beschiss am Kunden. Ich kaufe alle paar Tage im Großhandel ein und kalkuliere dann mit diesem Preis.“ Was die Pläne des Bundes angeht, ist er aber skeptisch: „Es ist in Ordnung, dass wir den Preis nur einmal am Tag erhöhen sollen. Aber Punkt zwölf Uhr? Das ist typisch deutsch. Ich bekomme meine Preise oft nicht vor 12.30 Uhr.“ Für den Moment ist Kerns Geschäft eher von Unsicherheit geprägt, als von reißendem Absatz: „Aktuell kaufe ich nur so viel wie nötig. Sollten die Preise wieder fallen, würde ich sonst auf dem teuren Sprit sitzen bleiben.“

Doch wer verdient jetzt am teuren Sprit? Ganz grundsätzlich die Ölproduzenten, die trotz Krieg liefern können. Die Preise für Rohöl sind seit Kriegsbeginn um 37 Prozent gestiegen. Aber auch in Europa gab es noch mal kräftige Aufschläge: Bei den Raffineriemargen von Benzin ging es um rund 58 Prozent rauf. Das ist die Preisdifferenz zwischen Rohöl und Kraftstoff im Großhandel.

Dazu kommt der gestiegene CO₂-Preis. Damit werden etwa Wärmepumpen gefördert. Zum Jahreswechsel stieg die Steuer – allerdings um höchstens drei Cent pro Liter, haben Ökonomen berechnet. Dazu die Treibhausgasminderungsquote (THG), wonach kurz gesagt 12,1 Prozent des Kraftstoffs klimafreundlich sein müssen. Neben der Beimischung von Biokraftstoff wie in E10 können Ölhändler auch die CO₂-Einsparung von E-Autos kaufen. Laut dem Mineralölverband en2x haben sich die Kosten hierfür zum Jahreswechsel auf 14 Cent pro Liter Sprit verdoppelt.

Doch es gibt Zweifel an dieser Darstellung von Klimasteuern als Kostentreiber: „Der CO₂-Preis wird vorgeschoben, um eine erhöhte Preispolitik zu machen. In Wirklichkeit ist die Preiserhöhung viel höher als die Abgabe“, sagte Herbert Rabl vom Tankstelleninteressenverband. Gleichwohl: Am teuren Sprit verdiene vor allem der Staat: „Mineralölsteuer und CO₂-Abgabe sind fixe Abgaben in Euro pro Liter. Dazu kommen alle Gestehungskosten vom Bohrloch bis zur Zapfsäule. Aber die Mehrwertsteuer setzt auf alle Kosten noch mal 19 Prozent drauf.“

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