Der Staatsanwalt der Allianz Arena

von Redaktion

Unser Autor Andreas Thieme in einer der Zellen. © Stache

Beschlagnahmt: das Einhandmesser eines Fans. © Thieme

Austausch mit der Polizei: Martin Salomon berät sich in der Unterwelt der Arena mit einem Beamten. © Michaela Stache

Martin Salomon sondiert die Stimmung vor dem Anpfiff. Während des Spiels kümmert sich der Staatsanwalt dann um die Straftäter. Das runde Bild zeigt eine der Überwachungskameras unter dem Stadiondach. © Michaela Stache/Andreas Thieme/dpa

München – Harry Kane dreht sich um seinen Gegenspieler und trifft von der Strafraumgrenze ins lange Eck. Auf den Rängen der Allianz Arena bricht frenetischer Jubel aus, kurz nach der Halbzeit steht es 3:0 gegen Union Berlin. Gnabry wird später noch auf 4:0 stellen.

Martin Salomon bekommt davon nichts mit. Der Fußball-Staatsanwalt hat an diesem Samstag vor einer Woche andere Aufgaben: Er muss Waffen sichten, Blutentnahmen anordnen – oder eine Untersuchungshaft beantragen. „Gegen Straftäter im Stadion gehen wir hart vor“, sagt der 33-Jährige.

Ganz unten, im Bauch der Allianz Arena, liegt die Gefangenensammelstelle. Hierhin bringt die Polizei Gewalttäter, Diebe oder auch Zuschauer, die andere mit Pyrotechnik gefährden. Es ist eine Parallelwelt, in der sich Martin Salomon bewegt. 75.000 Fans kommen ins Stadion, um Fußball zu schauen. Er hingegen kommt zum Dienst. Sechs Mitarbeiter hat seine Abteilung. „Wir denken vom Ende her, sammeln Beweise und bereiten gedanklich das Gerichtsverfahren vor.“ Fünf bis 50 Verfahren ergeben sich aus einem Heimspiel. Jede Straftat im Stadion wird „rigoros von uns verfolgt“.

Als der Staatsanwalt noch auf dem Weg ins Stadion ist, dokumentiert die Polizei schon den ersten Vorfall. Um 12.55 Uhr zeigen Fans Beamten den Mittelfinger. Das gilt als Beleidigung. Elf Vorfälle werden es allein bis Spielbeginn. Der heftigste: Mehrere Anhänger von Union Berlin berauben einen Bayern-Fan, der in die Nähe von Gäste-Fans kommt. Die Gruppe schlägt und tritt auf ihn ein. „Zur Aufklärung hoffen wir auf Videoaufnahmen der Münchner Verkehrsgesellschaft“, sagt Salomon. Denn der Bayern-Fan ist zwar Opfer, spricht aber nicht mit den Behörden – typisch für Anhänger der Ultra-Szene. Spätestens vor Gericht wird er als Zeuge aussagen müssen. Wenn Martin Salomon die Schläger angeklagt hat.

In der „Gesa“, wie Beamte zur Gefangenensammelstelle sagen, ist schon vor dem Spiel viel los. 15 Polizisten nehmen Fingerabdrücke, notieren die Adressdaten von Verdächtigen. Vor Ort gibt es vier Zellen mit Platz für 60 Straftäter, dazu fünf Vernehmungsräume. „Beleidigung, Körperverletzung, Sachbeschädigung und Landfriedensbruch gehören zu den häufigsten Straftaten im Stadion“, sagt Salomon.

Becherwurf kann Folgen haben

Mit Jeans und Wollmütze ist er unterwegs. Seine Arbeit beginnt, wenn die Polizei einen Verdächtigen fasst – etwa im Ehrengastbereich. Angeblich „auf Einladung von Uli Hoeneß“ schmuggelten sich schon Fans dort ein – „rechtlich ein Hausfriedensbruch“, wie Salomon erklärt. Garantiert vor Gericht lande man für einen Becherwurf, der andere trifft – etwa am Kopf. „Das ist eine gefährliche Körperverletzung, Mindeststrafe sechs Monate.“

Vor dem Anpfiff will sich Salomon auf der Tribüne umsehen. Weniger als eine Minute braucht er vom Stadion-Knast bis zum obersten Zuschauer-Rang: Er nutzt geheime Türen und Fahrstühle. Ordner nicken dem Staatsanwalt kurz zu. Sie wissen: Wenn er kommt, muss es oft schnell gehen.

Die Stadion-Hymne ist gerade vorbei, da klingelt Salomons Handy. Bei der Einlasskontrolle wurden zwei Männer mit Einhand-Messern erwischt – Taschenmessern, die man mit einer Hand blitzschnell auf- und zuklappen kann. Eine Polizistin zeigt ihm die Waffe, Salomon checkt kurz den Gesetzestext am Computer. „Eindeutig ein Verstoß gegen das Waffengesetz“, sagt er. Die Messer werden einkassiert, die Besitzer dürfen gehen. Aber nicht in die Arena, sondern nach Hause. Sie erwartet ein einjähriges Stadionverbot. Und zwar in ganz Deutschland.

Mehrere Strafverfahren pro Monat an Münchner Gerichten gehen auf die Arbeit der Fußball-Staatsanwälte zurück. Bei der Fußball-Europameisterschaft 2024 waren sie im Dauereinsatz. Am Ende registrierten die Ermittler 364 Straftaten. Der schlimmste Vorfall war am Marienplatz, als serbische Fans randalierten und schlägerten. Acht wurden festgenommen, bis auf einen landeten alle in Untersuchungshaft, damit sie nicht einfach aus der EU ausreisen können. „Zwei Jahre Haft auf Bewährung war die höchste Strafe vor Gericht“, sagt Martin Salomon.

Bei Champions-League-Spielen ist sein Handy schon am Tag vorher an. Bei brisanten Spielen sind die Ermittler oft bis zwei oder drei Uhr morgens im Einsatz. „Das Gefahrenpotenzial wird im Vorhinein gescannt. Das Lagebild kommt von der Polizei“, sagt Salomon. Das Heimspiel gegen Union Berlin ist „mittleres Risiko“.

Für die Ermittlungen gibt es vor Ort etwa einen venezianischen Spiegel, der nur von einer Seite einsehbar ist und zur Gegenüberstellung dient. So können Zeugen angeben, wer geschlägert hat, ohne von den Verdächtigen erkannt zu werden. Von Tätern werden oft sogar die Schuhe fotografiert – damit es möglichst viele Tatnachweise vor Ort gibt.

Hochmoderne Kameras

Auf den Rängen erklärt Martin Salomon die moderne Technik: Das Stadion ist videoüberwacht, auch die Fankurve. Mit den Bildern können szenekundige Beamte die Straftäter meist schnell identifizieren – in einem „Fahndungs-Chat“ tauschen sie sich über die Fotos aus. Aber auch für Überfälle an U-Bahnhöfen oder den bei Hooligans beliebten Schal-Raub auf dem Weg zum Stadion sind die Staatsanwälte zuständig. „Dank der Videoüberwachung können mehr Täter überführt werden“, sagt Salomon. Angeklagte seien vor Gericht oft überrascht, „wie gestochen scharf die Bilder sind“.

Männer, die nur zum Fußball gehen, um sich zu schlägern? Eher ein Phänomen der 90er-Jahre, sagt Salomon. Auch Familien mit Kindern sollen sich im Stadion sicher fühlen. Doch es gibt leider auch schlimme Szenen: Beim Champions-League-Finale Ende Mai vergangenen Jahres warfen Rowdys an der U-Bahn mit Steinen aus dem Gleisbett. „Durch Aufnahmen aus der Bodycam können solche Vorfälle geklärt werden“, sagt Salomon.

Nach dem Abpfiff wartet oft die meiste Arbeit. An diesem Samstag nicht. Eine Stunde nach Spielende verlässt der Fußball-Staatsanwalt die Allianz Arena. Zwölf Vorfälle wurden dokumentiert – ein eher ruhiger Arbeitstag. Dass es auch anders laufen kann, zeigen die Nachrichten am Abend. In Dortmund kommt es nach dem hitzigen 3:2-Sieg des BVB gegen Hamburg zu schweren Ausschreitungen. Die Polizei setzt 142 gewalttätige Hooligans fest.

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