In den Farben getrennt – und manchmal doch vereint

von Redaktion

Zwischen verfeindeten Fußballfans knallt es oft und hart, aber wenn es um gemeinsame Anliegen geht, gibt es auch Solidarität

Blaue Eskalation in der Allianz Arena: Nach dem Abstieg 2017 warfen 1860-Fans Sitzschalen auf den Rasen. Im Bild der damalige Jahn-Torwart Philipp Pentke. © Sampics

München – Fans sind nicht gleich Fans. Man kann einem Verein aus der Ferne zugetan sein, man kann seine Wertschätzung für ihn vom sportlichen Abschneiden abhängig machen („Erfolgsfans“), man kann in seine Liebe viel Geld investieren und sich einen VIP-Platz kaufen. Und es kann einem der Stehplatz heilig sein und dass man die Mannschaft auch zu Auswärtsspielen begleitet. Geht es in der öffentlichen Diskussion – wie vor den fußballspezifischen Treffen der deutschen Innenminister – um Fan-Themen, so bezieht man sich dabei auf die „aktive Fanszene“. Sammelbegriff für alle, die eine besondere Loyalität zu ihrem Verein pflegen, unter der Woche an Choreografien basteln und beim Spiel dann für Dauer-Support sorgen. Allerdings: Sie gehen mit ihrem Club auch kritisch um.

Wie sich in München die aktive Fan-Szene gestaltet: Stärkste Gruppierung rund um den FC Bayern ist der „Club Nr. 12“. Kein eigener Fan-Club, sondern eine Interessensgemeinschaft regelmäßiger Stadionbesucher in der Südkurve. Der Club Nr. 12 (heißt so, weil man sich als zwölfter Mann des Teams versteht) ist explizit keine Ultra-Gruppe, wohl aber gehören ihm welche an. Wie die wohl bekannteste, die Schickeria. Sie ist ein Einerseits-andererseits-Fall. Vom DFB wurde sie 2014 mit dem Julius-Hirsch-Preis ausgezeichnet (benannt nach einem jüdischen deutschen Nationalspieler, der von den Nazis ermordet wurde), weil sie das Wirken des jüdischen Vor- und Nachkriegspräsidenten des FC Bayern, Kurt Landauer, aus der Vergessenheit holte. Allerdings waren Mitglieder der Schickeria auch in Vorfälle körperlicher Gewalt verwickelt – wie einmal an einer Raststätte auf einen Nürnberger Fan-Bus.

Auch in München kam es zu Fan-Konflikten. Rote Ultras wissen, wo blaue Ultras anzutreffen sind – und umgekehrt. Seit 2004 spielen Bayern und 1860 nicht mehr gegeneinander in der Bundesliga, für die Löwen war in der gemeinsam genutzten Allianz Arena 2017 mit dem Abstieg aus der 2. Liga Schluss – zum Abschied flogen aus der Verankerung gerissene Sitzschalen auf den Rasen. Zurzeit sind 1860-Profis und „Bayern-Amateure“ eine Liga auseinander – als sie noch das Derby austrugen, knallte es rund ums Grünwalder Stadion.

So sehr Fan-Szenen sich verachten – bisweilen herrscht Solidarität. Die übergeordneten Themen betreffen alle: Pyrotechnik, Stadionverbote, Videobeweis, als repressiv empfundene Polizei. Und in München, wo Fan-Projekte sich um beide Seiten kümmern, gilt auch: Achtung für die andere Farbe, wenn sie ein politisches Anliegen teilt. Dass es „Löwen-Fans gegen Rechts“ gibt, das findet man auch in der Bayern-Kurve aller Ehren wert.GÜNTER KLEIN

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