Esa-Reserveastronautin Amelie Schönenwald in Houston. Klein rechts oben: der Live-Blick nach Oberpfaffenhofen. © Sven Hoppe/dpa
Das Modell der Raumkapsel, in dem die Astronauten für den Start am Mittwoch trainiert wurden. © mik
Eine kleine Zeitreise: Markus Söder am Astronauten-Trainingszentrum „Space Vehicle Mockup Facility“. © Sven Hoppe/dpa
Houston – Es ist der Raum, auf den ab Mittwoch die Welt blickt. Auf der großen Leinwand sieht man die Artemis-II-Rakete in Florida, die am Mittwoch abheben und mit vier Astronauten den Mond umrunden soll. Und Markus Söder steht in dem Nasa-Raum, von dem aus die Mission kontrolliert werden soll. Der Countdown zeigt zwei Tage, sechs Stunden und 54 Minuten.
Der Ministerpräsident kann es sich nicht verkneifen. Als er 2018 sein Raumfahrtkonzept vorgestellt habe, sei er verspottet worden, berichtet er den amerikanischen Gastgebern. „Söderchens Mondfahrt“, höhnte die Presse damals. Und jetzt wird in seinem Beisein eine weitere Erklärung unterschrieben, die die Zusammenarbeit zwischen Oberpfaffenhofen und der Nasa vertiefen soll. Die Europäer seien ein gleichberechtigter Partner. „Und es freut mich, dass wir Bayern da dabei sind.“
Mission Control Center, Houston. In einem anderen Raum wird die Raumstation ISS betreut. Auf der Leinwand sieht man die französische Astronautin Sophie Adenot, die gerade ein Experiment durchführt. Auch ein kleines Livebild von Oberpfaffenhofen ist zu sehen. Hier ist Söder in seinem Element. 8700 Kilometer und elf Flugstunden entfernt von allen deutschen Reformdebatten und von genervten CSU-Landratskandidaten, die bei der Kommunalwahl den Kürzeren zogen. Die anarchische Lust der Bayern, langjährige Amtsinhaber, pardon, auf den Mond zu schießen, hat auch in der Staatskanzlei für die ein oder andere Sorgenfalte gesorgt. Doch das ist an diesem Montag alles weit weg.
Söders Begeisterung für die Raumfahrt ist echt. Der CSU-Chef, dem manche Kritiker inhaltliche Beliebigkeit und fehlende Strategie vorwerfen, hat als junger Generalsekretär bei seinem Lehrmeister Edmund Stoiber gesehen, wie die bayerische Wirtschaft dank „Laptop und Lederhose“ prosperierte. Kaum im Amt, rief der Ministerpräsident Söder dann die „Hightech-Agenda“ ins Leben. Luft- und Raumfahrt ist ein wesentlicher Teil davon. Der Freistaat investiert hier bis 2030 eine Milliarde Euro und gleich sieben in Forschung und Wissenschaft. 13.000 neue Studienplätze und 1000 Professuren wurden laut Staatskanzlei geschaffen, viele davon in den Bereichen Luft- und Raumfahrt, KI, Bio-Life-Sciences und Verteidigungstechnologie – angesichts der weltweiten Aufrüstung eine neue Boombranche. TUM und die LMU gehören längst zu den besten Universitäten Europas. Selbst Söder-Skeptiker loben die Wucht seiner Agenda.
Jetzt steht er in dem Trainingszentrum, in dem sich die internationalen Astronauten (übrigens auch russische) jahrelang auf den Einsatz vorbereiten. Die Internationale Raumstation ISS ist hier ein Teil nachgebaut. Etwas unscheinbar steht auch eine kleine Raumkapsel in der Halle. Hier trainierten die vier Artemis-Astronauten für ihre Mission ab Mittwoch.
Die Kooperation mit der Nasa sei ein „echter Meilenstein“ für den Freistaat, sagt er. „Das wäre vor 20 Jahren undenkbar gewesen. Heute sind wir auf einem Level, wo das geht.“ Die Europäische Weltraumagentur Esa und die Nasa fungieren als enge Partner. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), das den zweitgrößten Sitz in Bayern hat, spielt dabei eine zentrale Rolle. In Houston wird ein gemeinsames Projekt zum Thema KI-Steuerung vereinbart. Konkret: Wie kann man Raumfahrzeuge auch ohne andauernde Bodenkommunikation steuern – idealerweise durch selbstständiges Operieren im Weltall, auch bei potenziellen Marsmissionen? Dazu unterzeichnet der Professor Felix Huber, der Leiter des Raumfahrtkontrollzentrums in Oberpaffenhofen, im Artemis-Kontrollraum eine Absichtserklärung mit der Nasa. „Das ist schon etwas Großes, was da stattfindet“, schwärmt Söder.
Der Trip nach Houston ist so etwas wie eine Zeitreise – in Vergangenheit und Zukunft zugleich. „Houston, we have a problem!“ Der (leicht veränderte) Spruch des Astronauten Jim Lovell aus dem All ist legendär. Doch bemannte Mondlandungen galten schon als abgehakt. Nachdem die Amerikaner 1969 den Wettlauf gegen die Russen gewonnen hatten, wurden die Missionen 1972 wegen der hohen Kosten eingestellt. 50 Jahre herrschte Ruhe, ehe plötzlich ein neuer Wettlauf einsetzte. Zwischen privaten Unternehmen und Staaten. Vor allem China gilt als sehr ambitioniert. Die USA gründeten 2017 das Artemis-Programm, 2022 gab es die erste unbenannte Umrundung des Mondes. Nun folgt eine bemannte. Zehn Tage sollen die vier Astronauten im All bleiben. Nie waren Menschen weiter von der Erde entfernt. Die Europäer bauen dafür das Haupttriebwerk und das Servicemodul, das die Astronauten mit allem versorgen soll, was sie auf ihrer Mission brauchen.
Dem überzeugten Transatlantiker Söder geht es bei dieser Reise darum, die Bande zu den USA zu vertiefen – trotz aller politischer Querschüsse aus Washington. Am Montagnachmittag unterzeichnet Staatskanzleichef Florian Herrmann noch eine Erklärung, die die Partnerschaft zwischen TU München und der University of Texas vertiefen soll. An der TUM entsteht gerade Europas größte Fakultät für Luft- und Raumfahrt.
Aber natürlich dürfen auch die typischen Söder-Bilder nicht fehlen. Ein Mitarbeiter der Nasa trägt die spezielle Jacke hinterher, die fürs Foto vorgesehen ist. Mehrfach wird er vertröstet, bis endlich der Moment gekommen ist. Mehrere Mitarbeiter der Staatskanzlei sind involviert. Auf dem Parkplatz vor dem Spaceshuttle gibt es dann endlich das passende Motiv für Instagram. Fördermilliarden hin, Hightech-Agenda her.