Ein Kunde testet die Apple-Brille Vision Pro. © IMAGO
München – Es ist das Apple-Paradoxon: Die Firma verdient so viel Geld wie nie zuvor, hinkt aber erstmals technologisch in kritischen Bereichen hinterher. Am bedrohlichsten wirkt der Rückstand in Sachen Künstlicher Intelligenz. Apple hat die KI-Lawine schlicht verschlafen – und muss sich jetzt für seine chronisch begriffsstutzige Sprachassistentin Siri ausgerechnet bei Erzrivale Google Hilfe holen.
„Wer auf ein KI-Feuerwerk hofft, bekommt eher ein paar müde Funken“, spotten Beobachter 2024, als Apple seine KI „Apple Intelligence“ vorstellt. Die meisten der versprochenen Funktionen gibt es bis heute nicht. Das träge gewordene Apple lässt sich von KI-Start-ups wie OpenAI oder Anthropic links und rechts überholen. „Das Ganze scheint Apple überrascht zu haben“, wundert sich Insider David Pogue in seinem brillanten Buch „Apple: Die ersten 50 Jahre“, das am 10. Mai auf Deutsch erscheint.
In den letzten Jahren häufen sich die Flops bei Apple. Das geplante eigene Auto („Project Titan“) wird zum Zehn-Milliarden-Dollar-Grab – auch, weil iPhone-Designer Jony Ive, der Meister des Weglassens, ein selbstfahrendes Vehikel ohne Lenkrad und Pedale fordert. Die Datenbrille „Vision Pro“ liegt wie Blei in den Regalen, weil kaum jemand 3700 Euro dafür ausgeben will, um sich von seiner Umwelt abzukapseln. Mit der Brille will Apple zum ersten Mal ein Problem lösen, das die Kunden gar nicht haben.
Trotzdem könnte Apple gerade in Sachen Künstliche Intelligenz am Ende doch wieder als strahlender Sieger dastehen. Denn der iPhone-Konzern setzt bei Künstlicher Intelligenz – im Gegensatz zu Google oder Microsoft – einmal mehr konsequent auf Privatsphäre und Datenschutz. Halluzinationen und Fake News wie ChatGPT & Co. will und kann sich Apple nicht leisten. Beobachter wie das US-Magazin 9to5Mac spekulieren, dass Apple zum „KI-Gewinner durch Abwarten“ wird. Konzernchef Tim Cook drückt es so aus: „Wir müssen nicht die Ersten sein – aber die Besten.“JÖRG HEINRICH