Auch die Römer sind dabei, gespielt von Einheimischen. © Martin Strobl
Monsignore Thomas Frauenlob vor dem einarmigen Jesus. Links wird die Jesusfigur nach der Abnahme in ein Tuch gehüllt. Rechts ein Blick ins Gesicht – Jesus hat die Augen geöffnet. © Stiftsland Berchtesgaden
Berchtesgaden – Ein riesiges Fastentuch mit den Stationen des Kreuzwegs hängt hinter dem Altar der Stiftskirche St. Petrus und Johannes der Täufer in Berchtesgaden. Ein Passionstuch, so wie in vielen Kirchen, mit dem in der Fastenzeit die bildlichen Darstellungen Jesu verhüllt werden. Aber im Mittelgang der Kirche steht etwas Besonderes. Es ist ein Kreuz mit einer außergewöhnlichen Christusfigur: Der Kruzifixus mit den beweglichen Armen – nein, nur mit einem beweglichen Arm. Die linke Extremität des aus dem 14. Jahrhundert stammenden Korpus ist verloren gegangen.
Gefunden wurde die mittelalterliche Figur erst 2015 bei einer Inventarisierung. Versteckt lag der einarmige Jesus auf dem Dachboden der Stiftskirche. „Er war von einer dicken Staub- und Schmutzschicht bedeckt. Völlig unansehnlich“, berichtet Monsignore Thomas Frauenlob, Pfarrer der Pfarrkirchenstiftung St. Andreas, zu der die Stiftskirche gehört. In 1000 Stunden wurde die fleckige Holzfigur gereinigt. „Jetzt ist sie von einer atemberaubenden Eindrücklichkeit“, schwärmt der Seelsorger. Wie gut die Qualität der Skulptur ist, wird am Faltenwurf des Lendentuches sichtbar. Oder wie die Rippenbögen hervortreten, der Ansatz der Bauchmuskeln gearbeitet ist. Nach der Restaurierung zeigt sich, dass die Augen nicht geschlossen sind, sondern die Christusfigur den Betrachter eindringlich anschaut.
Der vergessene Korpus entpuppte sich als eines der ältesten erhaltenen Kunstwerke dieses Typs im Alpenraum. Er geht auf eine Tradition zurück, die um 1300 in Florenz begann. Die 1,30 Meter große Holzfigur, die um 1380/90 vermutlich in Böhmen entstand, wurde in der Karfreitagsliturgie zur Darstellung der Kreuzabnahme genutzt. Weltweit sind nur etwa 140 solcher Skulpturen bekannt. Nach der Kreuzabnahme wurden die Arme an den Körper angelegt und die Figur in ein Leintuch gehüllt ins Heilige Grab gelegt. Für Frauenlob ist es ein Wunder, dass der Kruzifixus „überlebt“ hat und „uns wieder geschenkt wurde“. Wobei schon die Bergung ein Abenteuer war. „Er musste wie ein Schwerverletzter am Berg mit einer Trage durch die Dachluke runtergelassen werden.“ Sieben Jahre wurde restauriert, um die ursprüngliche Schönheit ans Licht zu bringen.
In Berchtesgaden stellte sich die Frage, ob das Kruzifix als Museumsstück behandelt oder in der Liturgie eingesetzt werden soll. „Wir haben uns entschieden, den Christus wieder in seiner gedachten Funktion einzusetzen.“ Zugleich ist er das ganze Jahr über im Andachtsraum der Kirche zu bewundern. Bis zur Säkularisation 1803 kam der Christus mit den beweglichen Armen bei Passionsspielen zum Einsatz, vermutet Frauenlob. Bei der Sanierung wurden Reste von einer Fassung aus dem Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt. Frauenlob denkt, dass die Figur auf dem Dachboden verschwand, weil Passionsspiele aus der Mode kamen.
Jetzt ist der Kruzifixus mit beweglichen Armen wieder „auferstanden“. Thomas Frauenlob wandte sich an den Theaterregisseur Max Reichenwallner, der mit Ministranten die Kreuzabnahme inszenierte. „Das ist sehr eindrucksvoll“, schwärmt der Pfarrer. „Da hört man die Hammerschläge, wenn die Nägel rausgeschlagen werden.“ Und wenn dann die Ministranten mit größter Vorsicht ein Leintuch um den Leichnam schlingen und die Figur vom Kreuz abnehmen, seien die Gottesdienstbesucher sehr beeindruckt. In dem Tuch wird der Korpus zum Nordportal getragen und dort in ein großes Heiliges Grab gelegt. Diese Inszenierung ist aber so aufwendig, dass sie nur alle zwei Jahre aufgeführt wird.
Heuer, im Pausenjahr, kommt der Kruzifixus trotzdem in der gesamten Fastenzeit zum Einsatz. Das am Tag der Erinnerung an die Kreuzigung Jesu mit einem roten Tuch verhüllte Kruzifix wird in der Karfreitagsliturgie feierlich enthüllt und verehrt. Die Gläubigen sind eingeladen, Weihrauch auf eine Schüssel zu legen, sodass die Kirche ganz erfüllt ist. „Wir vertreiben den Gestank des Todes mit dem Wohlgeruch des Lebens.“
Den verloren gegangenen Arm zu ersetzen – auch darüber ist diskutiert worden. „Der Korpus soll bleiben, wie er jetzt ist“, sagt Frauenlob. Die Entscheidung wurde mit Kunstsachverständigen getroffen. Die Skulptur „als Zeichen ihrer Verletzlichkeit und ihrer Verletztheit im Laufe der Jahrhunderte“. Die Christusfigur eignet sich auch als theologisches Thema für die Predigt. „Als Christen sind wir der fehlende Arm“, sagt Thomas Frauenlob.
Die heilige Teresa von Avila (1515–1582) hat Christus in den Mund gelegt: „Ich habe keine anderen Hände als die euren.“ In der Stiftskirche in Berchtesgaden ist das in dem mittelalterlichen Christuskorpus auf den ersten Blick sichtbar.