Michael Seewald übernimmt im Sommer den Lehrstuhl für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der LMU. © Weiss/Ostkreuz
Münster/München – Unflexibel, intolerant, belehrend, stur, doktrinär. Ein anderes Wort dafür ist dogmatisch. Michael Seewald ist alles andere als das – obwohl er Professor für Dogmatik ist. Überlegt, klug, die Weite von Lehre und Glauben im Blick. Der Gelehrte gilt mit seinen 38 Jahren als Senkrechtstarter unter den katholischen Theologen. 2025 wurde er mit dem Leibniz-Preis ausgezeichnet, der mit 2,5 Millionen Euro ausgestattet ist.
Seewald ist Priester und seit zehn Jahren Direktor des Seminars für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Universität Münster. Da, wo vor ihm bedeutende Persönlichkeiten Dogmengeschichte gelehrt hatten: von 1963 bis 1966 Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., und von 1967 bis 1971 der Jesuiten-Star Karl Rahner. „Das macht mich nicht nervös“, sagt Seewald lächelnd. „Große Vorgänger verbreiten natürlich ein wenig Glanz. Aber darauf kann man sich nicht ausruhen.“ Es komme darauf an, was „wir hier und jetzt aus den Institutionen machen, die wir geerbt haben“.
Seewald hat viel gemacht: Er leitete das Exzellenzcluster Religion und Politik, holte den Leibniz-Preis nach Münster. Doch jetzt zieht es ihn nach Bayern: Zum April wechselt der gebürtige Saarbrücker an die Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Dorthin, wo er 2011 promoviert und 2015 habilitiert hat. Er hat sich nicht beworben, „die LMU ist auf mich zugekommen“.
Der Saarländer spricht gerne Klartext, was so manchen Gläubigen verblüfft. Schon als Jugendlicher diskutierte er gerne – mit 16 Jahren wurde er Bundessieger beim Wettbewerb „Jugend debattiert“. Zitate von ihm wie „Gehorche keinem. Das ist kein billiger Aufruf zur Anarchie, sondern eine Aufforderung zum Denken“ lösen Diskussionen aus. Er will, dass die Kirche im Gespräch bleibt, dass es eine echte Auseinandersetzung zwischen Glaube und Vernunft gibt. „Christlich glauben hatte auch immer etwas mit vernünftig denken zu tun.“
Seewald befürchtet, dass sich die Kirche „entintellektualisiert“, wie er sagt. „Wenn die Verbindung zwischen Glaube und Verstand gekappt wird und die Kirche nur noch eine verschrobene Sekte mit einer Sonderlogik ist, dann kommt sie nicht nur ihrem gesellschaftlichen Auftrag nicht nach.“ Dann, so warnt er, bringe sie sich um den Kern, um ihre katholische Tradition. Kirche ist für Seewald keine Binnenwelt, sondern ein Raum, in dem gedacht und gestritten wird, verschiedene kulturelle Ausprägungen ihren Platz haben.
Bevor Seewald nach München kommt, wird er im Thomas-Mann-House in Los Angeles über das Verhältnis der katholischen Kirche in den USA zu einer liberalen Gesellschaftsordnung forschen. Dort verändert sich gerade auch religiös viel. Noch in den 1960er und 1970er-Jahren hätten sich die US-Katholiken und die Bischofskonferenz sehr stark für die Abschaffung der Todesstrafe ausgesprochen. „Das hat sich gedreht. Das ist ein Gradmesser, an dem man zeigen kann, was sich verändert.“
Dogmatik ist die Lehre der Kirche. Jetzt, in der Karwoche und zu Ostern, geht es um den Glaubenskern: die Auferstehung Jesu. Grundlegende Glaubensüberzeugung. Aber daneben gibt es „Dogmen im engen Sinne“, wie sie Seewald nennt, die sich mit kontroversen Themen befassen. Dazu zählt er die Verkündung der Unbefleckten Empfängnis Mariens 1854, also dass Maria von der Erbsünde befreit war. Und das letzte erklärte Dogma aus dem Jahr 1950, wonach Maria mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen worden sei.
Für Seewald sind das Randthemen des Glaubens. Dogmen, die sich entwickelt haben und sich weiter verändern können. Ebenso wie die Frage der Unfehlbarkeit des Papstes, die für ihn das Ergebnis der Souveränitätsdiskussionen des 19. Jahrhunderts ist. Das seien keine Glaubenssätze im engeren Sinne. Wer solche Dogmen nicht glaubt, stelle sich vielleicht formalrechtlich außerhalb der Kirche. „Aber da ist man zugleich auch innerhalb der Kirche in sehr guter Gesellschaft“, sagt er lächelnd.
Dogmatik ist das Nachdenken über Dogmen. Darin ist Seewald ein Meister. Einsicht nur auf Basis von Gehorsam „ist kein Wissen, sondern bloßes Glauben oder Meinen. Wer also wirklich etwas wissen will, kommt um eigenständiges Denken nicht herum“, mahnte er in einem Interview. Seewald ist für mehr Mitgestaltung der Laien an der Leitung der Kirche, für die Priesterweihe von Frauen.
Eine Kirchenspaltung, wie sie vom rechten Rand der Kirche als Folge von Reformen an die Wand gemalt wird, hält er für „sehr unrealistisch“. Die Münchner Theologiestudierenden erwartet ein Professor, der der Kirche noch viel zu denken geben wird.CLAUDIA MÖLLERS