Der Jesus-Schatz von Ramersdorf

von Redaktion

Ein Wallfahrtsort: die Kirche Maria Ramersdorf in München. © Michaela Hartmann

Diakon Franz Reger hat das Standkreuz mit dem Kreuzpartikel aus dem Schrein geholt. Das kleine Foto zeigt das aufklappbare goldene Brustkruzifix, in dem sich der Holzsplitter befindet. © Michaela Hartmann

München – Draußen dröhnen die Autos am Mittleren Ring. „Aber hier drinnen herrscht Stille“, sagt Franz Reger. Der große Mann mit den gewellten weißen Haaren steckt den Schlüssel in den Schrein und sperrt ihn auf. Dort ruht sein Schatz, der gleich mehrfach verpackt ist. Vorsichtig holt der 78-Jährige ein kleeblattförmiges Standkreuz heraus und deutet auf ein kleines goldenes Brustkruzifix, das darin gefasst ist. Und in diesem aufklappbaren Teil befindet sich die eigentliche Attraktion: „Hier ist der Holzsplitter versteckt“, sagt Reger. Ein Partikel vom Kreuz Jesu.

Seit über 30 Jahren bietet der redselige Diakon in der Kirche Maria Ramersdorf Führungen an. Das Gotteshaus, das weithin von der A8 sichtbar ist, gehört zu den wichtigsten und ältesten Wallfahrtskirchen im Erzbistum München und Freising. Das Besondere: „Es ist eine Doppelwallfahrt“, erklärt Reger. Anziehungspunkte sind das marianische Gnadenbild am Hochaltar, auf dem Maria als Himmelskönigin dargestellt wird, sowie der Holzsplitter, der vom Heiligen Kreuz stammen soll. Kreuzpartikel gehören zu den wichtigsten Reliquien im Christentum. Reliquien sind Reste der Körper von Heiligen oder von Gegenständen, die mit ihnen in Berührung gekommen sind.

Die Legende besagt, dass Helena, die Mutter von Kaiser Konstantin dem Großen, im Jahr 325 nach dem Kreuz Jesu graben ließ. „Dabei fand man drei Kreuze“, erzählt Reger. Um herauszufinden, welches das Original war, sei ein Toter draufgelegt worden. „Beim richtigen wurde der Mann lebendig.“ Diese Szene ist am Seitenaltar in Ramersdorf abgebildet.

Was danach mit dem Kreuz geschah? Laut Überlieferung wurde es in mehrere Teile zerlegt und verteilt. Wie viele Partikel es weltweit gibt und ob sie echt sind, ist umstritten. „Ich halte sie nicht für echt“, betont der Ramersdorfer Diakon. Er sei kein Frömmler, sehe das pragmatisch. „Wenn die Partikel auf Jesus verweisen, dann haben sie ihren Sinn erfüllt.“ Ein Glaube „im luftleeren Raum“ sei schwer. Die Leute bräuchten was Handfestes.

Wie ein Kreuzsplitter nach Ramersdorf kam, davon erzählt der hauseigene Kreuzaltar von Erasmus Grasser. Reger klappt die Flügel zu, damit die Tafelgemälde sichtbar werden. Die Geschichte geht so: Kaiser Ludwig IV., bekannt als Ludwig der Bayer, und Papst Johannes XXII. waren Gegner. Weil Letzterer ihn exkommunizieren wollte, ließ sich Ludwig 1328 durch konkurrierende Bischöfe zum Kaiser krönen und kürte Nikolaus V. zum Gegenpapst. Als Dank dafür soll dieser Ludwig ein Umhängekreuz samt Partikel geschenkt haben. Ludwigs Sohn, Herzog Otto V., soll dieses im Jahr 1379 Ramersdorf gestiftet haben. Damals stand dort laut Reger ein Vorgängerbau, die heutige Kirche entstand im 15. Jahrhundert.

Fakt ist: Die Kreuzreliquie beflügelte die Wallfahrt. Im Frauendreißiger, zwischen 15. August und Mitte September, strömen seit jeher Gläubige nach Ramersdorf. Sie suchen dort Trost, Stärkung und Heilung. Zuletzt sei wieder ein richtiger Hype um Ramersdorf entbrannt. „Es sind deutlich mehr Pilger gekommen.“ Reger erklärt sich das so: „Wenn es mehr Kriege und Krisen gibt, wenden sich die Leute dem Glauben zu.“ Viele wollen sich den Partikel zeigen und auflegen lassen. Die Pilger seien sehr unterschiedlich: Manche robben demütig zum Kreuzsplitter. Manche suchen einfach Ruhe.

Reger zeigt zum Himmel. Er würde alles für die Ramersdorfer Kirche tun. Um Spenden für das Gotteshaus zu sammeln, wollte er sich einst vom Kirchturm abseilen. „Aber meine Frau hat es verboten!“ 2018, kurz bevor die Kirche nach langer Renovierung wiedereröffnet wurde, schlug der Blitz im Turm ein. Der Strom fiel aus. Schlimmeres sei nicht passiert. Ein Wunder? „Ich bin ein nüchterner Theologe.“ Aber: „Ich spüre, dass da was ist.“

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