Ein Blick in den Holzwohnwagen: Die Einrichtung ist elegant, offenbar gehörte er einer wohlhabenden Familie. © Leppert
Robin Graf, Paul Graf und Patrick Röder (v.li.) stehen im Schuppen in Langenhaslach im Kreis Günzburg neben dem historischen Holzwohnwagen aus dem Jahr 1878. © Quirin Leppert
Ichenhausen – Robin Graf sperrt die Scheune auf – und dieser Wagen zieht einen sofort in seinen Bann. Ein historischer Holzwohnwagen, aufs Feinste restauriert, der den Stolz früherer Zeiten zeigt. Drinnen ein alt-elegantes Wohnzimmer und ein Stockbett. „Das waren reiche Jenische“, sagt Graf, „das sieht man sofort.“ Das Prachtstück aus dem Jahr 1878 steht in Langenhaslach (Kreis Günzburg) in Bayerisch-Schwaben. Die früheren Besitzer zogen darin umher, verkauften Waren, boten Dienste als Scherenschleifer oder Kesselflicker an.
Die Jenischen – kaum einer kennt sie, obwohl sie seit Jahrhunderten in Teilen Deutschlands leben, ebenso in Österreich, der Schweiz oder in Frankreich. Sie reisten durch die Dörfer, lebten in ihren Wagen und in ihrer Gemeinschaft. Die Nazis verfolgten und ermordeten sie. Nun wollen die Jenischen als nationale Minderheit anerkannt werden. So wie die Dänen, Friesen, Sorben und die Sinti und Roma.
Das Wissen über die Jenischen ist weit kleiner als die Vorurteile, die über Jahrhunderte transportiert wurden. „Du warst Dreck, unterste Schicht“, sagt Paul Graf, 78. Der Mann mit Schnurrbart, Halskette und Ohrringen ist der Vater von Robin. Paul Graf sitzt im Vereinsheim des jenischen Fußballclubs „Grün-Weiß Ichenhausen“. Das bayerische Städtchen, 30 Kilometer östlich von Ulm, ist ein Zentrum der Jenischen. Viele leben hier seit Generationen. 1980 wurde der Fußballverein gegründet. Auch in Baden-Württemberg gibt es jenisch geprägte Orte: Unterdeufstetten und Matzenbach, die zur Gemeinde Fichtenau zählen, Landkreis Schwäbisch Hall. In Deutschland leben geschätzt 200.000 Jenische, in Europa rund eine halbe Million.
In den 1950ern kam Paul Graf in Ichenhausen in die Volksschule. Dann ging es mit der Familie auf Reisen. „Wir haben Kurzwaren verkauft“, erinnert er sich, „Hosenknöpfe und solche Sachen.“ Oft seien sie angefeindet worden – als „Wagges“, was so viel wie Nichtsnutz, Herumtreiber, Taugenichts bedeutet. Auf Reisen gingen die jenischen Kinder in die Schulen vor Ort. Man setzte sie in die letzte Bank, sie bekamen den Stempel, dass sie anwesend waren, das war es. Früher hatten Jenische meist weder Schulabschluss noch Ausbildung.
Der Holzwohnwagen im Schuppen ist weit gereist. Nach dem Krieg – die Besitzer wurden wahrscheinlich ermordet – gelangte er an andere Jenische. Bis 2023 reisten sie damit umher, dann schenkten sie den Wagen dem Zentralrat der Jenischen. Erst im September war der Wagen beim Bürgerfest von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Garten von Schloss Bellevue ausgestellt.
Seit 2019 gibt es den Zentralrat, der räumlich dem Vereinsheim von „Grün-Weiß“ angeschlossen ist. Heute leben die einst Fahrenden fast alle in Wohnungen oder Häusern. Sie sind deutsche Staatsbürger, denen ihre kulturelle Identität wichtig ist. Untereinander sprechen sie ihre Sprache, eine Mischung aus deutschen Wortentlehnungen, dem Hebräischen und Romanes. Ihre Sprache wurde als „Gaunersprache“ verunglimpft, die Jenischen selbst als „weiße Zigeuner“.
Im Nationalsozialismus galten Jenische als „erbkrank“, „arbeitsscheu“, als „Verbrecher“. Männer wurden zwangssterilisiert, Frauen unfruchtbar gemacht. Jenische wurden in die Konzentrationslager deportiert und ermordet. Und auch nach dem Krieg galten sie lange als asozial. Paul Graf zeigt ein Schreiben der Stadt Ichenhausen, Wohnungsausschusssitzung Januar 1955. Die Familie lebte in einer sehr feuchten Wohnung, bat wegen der lungenkranken Mutter um eine andere Unterkunft. Der Ausschuss erkannte zwar die Krankheit an. Aber: „Eine Verlegung in eine andere Wohnung ist nicht möglich, da es sich um asoziale Familien handelt (Wagenleute), die keinem Hausbesitzer zugemutet werden können“, steht da im Bescheid.
Der Weg zur anerkannten Minderheit dürfte steinig werden. Klaus Vater, 79, sagt: „Es gibt kein abgesprochenes Verfahren, wie so etwas geschieht.“ Vater war lange Sprecher im Bundesgesundheitsministerium, ist jenischer Abstammung und im Zentralrat. 1998 wurden die vier jetzigen Minderheiten (Artikel rechts) auf einen Schlag vom Bundestag anerkannt. „Damit war das erledigt“, sagt Vater. „Was aber mit möglichen neuen Minderheiten geschieht, darüber hat man nicht nachgedacht.“