INTERVIEW

„Es ist nicht so einfach, wie es aktuell scheint“

von Redaktion

Sasan Harun-Mahdavi ist Iraner und Zahnarzt in München. Dem Waffenstillstand traut er nur bedingt

Sasan Harun-Mahdavi (li.) und Vater Massoud bei einer Iran-Kundgebung im Februar in München. © Markus Götzfried

München – Sasan Harun-Mahdavi (58) ist in München geboren und arbeitet hier seit 1997 als niedergelassener Zahnarzt. Als Vorsitzender des Vereins „Leben & Leben lassen“ engagiert er sich für Menschenrechte. Im Interview spricht er über den Krieg in seiner Heimat, die aktuelle Waffenruhe und seine Hoffnungen für die Zukunft.

Herr Harun-Mahdavi, was halten Sie von der aktuellen Lage im Iran?

Es ist eine Vollkatastrophe. Grundsätzlich bin ich sehr froh, dass die angekündigten Flächenbombardierungen nicht mehr stattfinden werden. Ich habe allerdings die Befürchtung, dass es nicht so einfach ist, wie es aktuell scheint. Wenn die Straße von Hormus einmal blockiert werden kann, dann kann es auch wieder passieren.

Der erhoffte Regimewechsel ist aber nicht in Sicht …

Wenn das islamische Regime an der Macht bleibt, wird es weiter Massenhinrichtungen und Ähnliches geben. Der Wunsch der Bevölkerung bleibt, dass die bisherigen Opfer nicht umsonst waren und der Regimewechsel durchgeführt werden kann. Von den 90 Millionen Iranern sind etwa 14 Millionen auf der Seite des Regimes, der Rest nicht. Das ist eine Chance. Für die iranische Bevölkerung ist Kronprinz Reza Pahlavi die Leitfigur. Meine Hoffnung ist, dass auch der Westen Pahlavi als Leitfigur des iranischen Volkes anerkennt.

Was konkret sollte Pahlavi jetzt tun?

Er hat die Menschen dazu aufgefordert, wegen der Gefahren daheimzubleiben. Durch den Waffenstillstand könnte er sie jetzt dazu auffordern, auf die Straßen zu gehen und zu protestieren. Das funktioniert aber nur, wenn ihn der Westen auch als die Figur anerkennt, die er für das iranische Volk darstellt. Denn die Bevölkerung sollte entscheiden, wer die Revolution anführt, nicht der Westen.

Wird der Krieg bald vorbei sein?

Bei Trump weiß man nie. Er lässt sich stark von Leuten beeinflussen, die nicht im US-amerikanischen Interesse handeln. Es ist militärisch gesehen nicht nachvollziehbar, warum die USA die Sicherheit der Straße von Hormus nicht gewährleisten können. Wenn nicht einmal die USA und Israel das islamische Regime aufhalten können, wird das zur Bedrohung für die ganze Welt.

Inwiefern?

Solche Milizen wie im Iran gibt es überall. Daraus können sich weitere Terrorgruppen bilden. Wenn diese erstarken, ist die Stabilität der Welt massiv in Gefahr.

Haben Sie denn noch Familie, die aktuell im Iran lebt?

Ja, meine 89-jährige Tante lebt am Kaspischen Meer. Sie steht wegen ihres hohen Alters glücklicherweise nicht im Fokus der islamischen Regierung. Ihr geht es gut, aber wie sie berichtet, ist es aktuell sehr schwer, dort ein Leben zu führen.

Wie lässt sich die Situation vor Ort denn beschreiben?

Die Geschäfte sind zu, es gibt nahezu keine neuen Waren. Der einzige Lieferverkehr kommt aus der Türkei und das reicht bei Weitem nicht für das ganze Land. Die Güter erreichen zunächst nur den Norden und den Nordwesten, im Süden kommt fast nichts an. Nehmen wir als Beispiel den Anschlag auf die Stahlwerke: Das wirkt sich auf alles aus, Lieferanten, Geschäfte und die Arbeiter sind auch betroffen. Die Inhaber von Läden auf den Basaren werden gezwungen zu öffnen, teilweise ohne Ware und sehr hochpreisig.

Wie gefährlich ist die Lage derzeit für Systemgegner?

Alle Menschen, die gegen das System sind, werden bedroht. Kommunizieren können die Menschen nur über VPN oder Starlink, wenn die Verbindungen mal aktiv sind.

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