Der charmante Schuft

von Redaktion

„Kir Royal“: Adorf trat in der Serie von Regisseur Helmut Dietl nur in Folge 1 auf – das genügte für absoluten Kultstatus. © dpa

„Rossini“: Mit Heiner Lauterbach (re.) spielte Adorf in der Helmut-Dietl-Komödie aus dem Jahr 1997. © pa

„Am Tag, als der Regen kam“: Der noch junge Adorf in dem deutschen Krimi von 1959. © pa

„Winnetou 1“: Schurken wie Santer spielte Mario Adorf immer wieder. © imago

„Die Blechtrommel“: Mario Adorf im Jahr 1979 mit David Bennent (Oskar). © pa

Es gibt Momente im Leben eines Journalisten, da wird dir bang ums Herz. Zum Beispiel, wenn der Fotograf beim Interview mitten im Winter den beinahe 90-jährigen Gesprächspartner bittet, aufs Dach des Bayerischen Hofs zu steigen. „Weil das Licht da oben so schön ist.“ Ernsthaft jetzt?!? Mario Adorf hält die Idee jedenfalls für famos. Und, als müsse er den Reporter beruhigen, ist sein Händedruck zur Begrüßung derart kraftvoll, wie ihn manch 20-Jähriger nicht hinbekommt. Beim Gespräch – zurück im Warmen – ist Adorf dann, wie ihn sein Publikum liebt: zugewandt, charmant, zwischendurch am Handy mit seiner Frau Monique auf Französisch parlierend. Falls sein Alter ihm eine Last gewesen sein sollte: In dieser Stunde ist nichts davon zu spüren. Ein Gentleman, alte Schule.

Am Mittwoch ist Mario Adorf im Alter von 95 Jahren „nach kurzer Krankheit in seiner Wohnung in Paris eingeschlafen“, wie sein Manager Michael Stark mitteilt. Der Schauspieler habe ihm bei einem letzten Besuch mit auf den Weg gegeben, dass er sich „bei seinem Publikum für die jahrzehntelange Treue bedankt“.

Es war tatsächlich eine besondere Beziehung zwischen Adorf und den Menschen, die ihm zusahen, sei es am Theater, im Kino oder Fernsehen. „Ich wollte über meine Wirkung nie so genau Bescheid wissen.“ Warum? „In dem Augenblick, in dem ich weiß, wie ich eine gewisse Wirkung erziele, bin ich verführt, diese für mich schmeichelhafte Erfahrung abzurufen.“ So wurde er zur Schauspiellegende (ein Wort, das inflationär verschleudert wird – hier ist es angemessen).

Gelernt hat Adorf sein Handwerk in München. Wobei: So ganz stimmt das nicht. 1930 in Zürich geboren, wächst er in Mayen in der Eifel auf. Er studiert unter anderem Theaterwissenschaft und steht auf der Studentenbühne. Und er boxt: „Für mich war das Boxen kein Sport, sondern Selbstverteidigung“, erinnert er sich damals in unserem Gespräch. „Meine Mutter arbeitete nach dem Krieg als Schneiderin, und wenn sie Kundschaft auf dem Lande hatte, lieferte ich die Ware aus. Dafür gab es Geld und Naturalien – die waren das Wichtigste. Wenn ich zurückkam, war da eine Bande junger Burschen, die mich abpasste, mir das Gehamsterte wegnahm und mich verprügelte. So bin ich zum Boxen gekommen.“ Freilich hat er weder im Theater von seinem Sport erzählt noch in der Box-Staffel verraten, dass er nebenbei auf der Bühne steht.

Dabei sind beide Professionen durchaus verwandt. Jedenfalls bewirbt sich Adorf 1953 an der legendären Falckenberg-Schule. „Das war ein kleiner Versuch – aussichtslos.“ In den Lebenslauf schreibt er den kuriosen Satz „Ich liebte die Einsamkeit“. Ungewöhnlich für einen, der im Ensemble vor Menschen auftreten möchte. Zum Vorsprechen wird er dennoch eingeladen – und stürzt ab. Im Wortsinn: Er hat den Max Piccolomini aus „Wallensteins Tod“ vorbereitet, die Zürcher Inszenierung hatte ihn beeindruckt. Der Schauspieler sprang dort mit gezogenem Degen an die Rampe: „Blast! Blast! O wären es die schwedischen Hörner!“ Das will Adorf imitieren, doch die Bühne ist sehr viel kleiner. „Ich fiel runter. Großes Gelächter.“ Aufgenommen wird er trotzdem.

Bis 1962 ist Adorf an den Kammerspielen engagiert. In dieser Zeit dreht er jenen Film, der seinen Kino-Durchbruch markieren sollte. „Nachts, wenn der Teufel kam“ (1957) wird nicht nur für den Oscar nominiert; Adorf gibt den Serienmörder Bruno Lüdke derart glaubwürdig, dass er jahrelang auf Schurken festgelegt ist. Das führt zu einer Figur, mit der sich der Schauspieler ins deutsche Gedächtnis eingegraben hat – und die er eigentlich nie spielen wollte. Als Santer erschießt er in „Winnetou“ Nscho-tschi, die Schwester des Apachen. „Ich fand die Rolle uninteressant: ein Bösewicht ohne jeden Hintergrund. Ich wollte ,Winnetou‘ absagen. Aber es gab einen Kritiker, der sagte: ,Herr Adorf, das müssen Sie spielen. Karl May ist deutsches Kulturgut!‘“ Noch Jahrzehnte später imitiert Adorf mit Pathos den Ausruf des Pressekollegen von einst. „So habe ich mich beschwatzen lassen.“

Ganz anders dagegen bei seiner anderen unvergesslichen Figur, dem Klebstofffabrikanten Heinrich Haffenloher. „Eine schöne Rolle!“ Zwar ist Adorf nur in der ersten Folge von Helmut Dietls „Kir Royal“ zu sehen. Doch mit seiner Interpretation schreibt er Fernsehgeschichte. Haffenloher-Sätze sind längst geflügelte Worte, zum Beispiel dieser hier: „Ich scheiß dich so was von zu mit meinem Jeld.“

Parallel nutzt Adorf seine Bekanntheit, um den Neuen Deutschen Film in den Fokus der Wahrnehmung zu rücken. Er dreht mit Schlöndorff und Fassbinder. „Ich konnte die Haltung der alten Stars nicht verstehen, die sagten: ,Die Jungen können nichts.‘ Die Einstellung der Jungen konnte ich aber auch nicht nachvollziehen, die sagten: ,Weg mit den Alten, die wollen wir nicht mehr sehen.‘ Film muss sich weiterentwickeln. Nur dafür habe ich mich interessiert.“

Vielleicht ist diese Einstellung das Geheimnis seines Erfolgs. Ob der Oscar-prämierte Film „Die Blechtrommel“ (1979) oder der TV-Klassiker „Der große Bellheim“. Ob „Rossini“ (1997) oder Arthouse-Perlen wie „Same same but different“ (2009): Adorf formt seine Figuren stets mit gründlicher Neugier auf den Menschen, der ihm da im Drehbuch begegnet. Und er belässt auch den schrägen Typen, den lächerlichen und den bösen ihre Würde. Das ist wahrhaftige Kunst. „Ich schaue nicht zurück“, sagt Mario Adorf am Ende unseres Gesprächs im Bayerischen Hof. „Ich schaue mir auch keine alten Filme an.“ Wir sollten uns das nicht zu eigen machen. Im Gegenteil! Schauen wir auf dieses große, vielfältige Werk. Erinnern wir uns. Und verneigen uns.

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