Einer der letzten Meister der Zinnkunst

von Redaktion

„Die Kaiserlichen“: Der Stammtisch im Münchner Hofbräuhaus trinkt auch noch aus Krügen mit einem Zinndeckel. © Martin Hangen

Porzellanmedaillons aus alten Bierkrugdeckeln findet Wilhelm Eisenhart besonders schön. Und er besitzt einige davon. © Michaela Stache

Der Laden der Zinngießerei Eisenhart in Eichstätt. Denn die schöne Ware will am Ende auch verkauft werden. © Michaela Stache

Da ist das Ding! Wilhelm Eisenhart zeigt einen seiner neuesten Bierkrüge mit Zinndeckel, die man in seinem Geschäft kaufen kann. © Michaela Stache

Zinngießer Wilhelm Eisenhart (69) zeigt seine Zinngießerei in Eichstätt bei Ingolstadt. © Michaela Stache

Eichstätt – Wie die alten Meister, aber vor allem wie seine Vorfahren, so arbeitet Zinngießer Wilhelm Eisenhart in seiner Eichstätter Werkstatt. Zwischen über 150 Jahre alten Formen, Kerzenleuchtern, Tellern und Bierkrugdeckeln restauriert, gießt, dreht und poliert er Kunstwerke und Gebrauchsgegenstände. Der 69-Jährige führt den Handwerksbetrieb in der sechsten Generation und feiert heuer das 222-jährige Bestehen der Zinngießerei Eisenhart in Eichstätt im schönen Altmühltal.

Im ältesten Gebäude am Marktplatz hat Wilhelm Eisenhart seine Werkstatt, Verkaufs- und Lagerräume. In jedem Winkel, in jedem der vollen Regale stecken Geschichte, Geheimnisse und Traditionen. Viele seiner Kunden nehmen für ein Meisterstück von Wilhelm Eisenhart lange Wege in Kauf. Und lange Wartezeiten.

„Ich führe den Betrieb allein und viele unserer Zunft gibt es ja nicht mehr. Einen in Traunstein, einen in Neustadt bei Coburg, da dauert es schon ein paar Monate, bis ein Auftrag erledigt wird.“ Seit die Familie Mory in München ihr Geschäft aufgelöst hat, häufen sich zudem die Anfragen aus München. Auch aus dem Hofbräuhaus, wo der Stammtisch „Die Kaiserlichen“ ein und aus geht. Der eine braucht einen neuen Zinndeckel, beim anderen ist die Halterung defekt.

Wie die Eisenharts es schon vor über 200 Jahren gemacht haben, so macht es auch Wilhelm. In seiner Werkstatt hätte sich auch der Pumuckl wie daheim gefühlt.

Der Zinnmeister sitzt an seiner übervollen Werkbank, in einer kleinen Pfanne schmilzt das Zinn. Es sieht nach einem unbeherrschbaren Durcheinander aus. Doch jeder Griff sitzt, der Zinnmeister weiß genau, wo er was findet. Aus feuchtem Ton knetet er eine kleine Form für die neue Halterung eines Krugdeckels. Dann zischt und dampft es, das flüssige Zinn fließt in die Form, verbindet den Deckel mit der Halterung, die direkt an den Krug angepasst wird. „Das Zinn verliert durch die Feuchtigkeit des Tons schnell an Temperatur“, erklärt der Handwerksmeister. So ist das Stück nur ein wenig später bereit für die Weiterbearbeitung.

Dort muss ein bisserl was weg, da muss nachjustiert werden, am Rand fallen noch ein paar Späne und am Ende hat der Krug wieder einen funktionstüchtigen Deckel. Der Meister begutachtet das Werk, ist zufrieden. Die Späne wandern in einen Sammelbehälter und werden recycelt und wieder eingeschmolzen. Wie so manch anderes Stück, das Eisenhart im Lager hat. „Früher war Zinn was wert, da haben die Menschen Krüge und Teller gesammelt, heute wollen viele Zinn loswerden.“ So um die zwölf Euro ist derzeit das, was man für ein Kilo Ware bekommt.

Immer wieder landen in Eichstätt echte Schätze. Aus Klöstern oder Familiensammlungen. Der 69-Jährige ist selbst ein Sammler. Vor allem Keramikdeckel haben es ihm angetan. Das sind in Zinn gefasste Medaillons, die den Krug als Deckel zieren. Besonders freut er sich, wenn das Zinngut eine besondere Geschichte erzählen kann. So hat er einige kostbare Raritäten in seiner Sammlung. Motive, die außen ganz züchtig eine Frau zeigen und beim Öffnen auf der Innenseite eine schlüpfrige Ansicht besitzen. All diese Deckel zeigt Wilhelm Eisenhart anlässlich des 222-jährigen Bestehens des Familienbetriebs in einer Ausstellung: „Porzellanmedaillons auf alten Bierkrugdeckeln“ sind vom 3. Mai bis Ende September im Jura-Bauernhof-Museum Hofstetten zu sehen (www.naturpark-altmuehltal.de/jura-bauernhof-museum).

Wilhelm Eisenhart versucht, sein Wissen um die Traditionen und uralten Techniken weiterzugeben. Ein Nachfolger aus der eigenen Familie scheint nicht in Sicht. Die Kinder haben bislang andere Pläne. Bei Workshops und auf Mittelalter- und anderen Märkten zeigt er sein Handwerk, fertigt beispielsweise mit Kindern kleine Anhänger und Figuren.

Seine Werkstatt am Marktplatz ist nicht nur wegen der Zinnware Anlaufstelle für Kunden und Touristen. Wilhelm Eisenhart hat viel Spannendes zu erzählen. Zu fast jedem Stück in den uralten Gemäuern fällt ihm eine Geschichte ein. Und dann sind ja da auch die sechs Generationen der Familie, die einiges erlebt haben.

Eisenhart liebt seinen Beruf. „Die Zinngießerei ist abwechslungsreich, das Arbeiten weniger filigran wie bei einem Goldschmied, die Werkstücke haben die richtige Größe und das Material ist weich und einzigartig.“ Der Meister demonstriert als Beweis den Zinnschrei. Versucht man, eine Zinnstange zu biegen, knarzt sie hörbar. „Da reißt das Molekulargefüge auf“, erklärt der Fachmann. Das Geräusch tritt nur bei reinem Zinn auf. Die Handwerkskunst der Eisenharts hat international einen Ruf, ihre Krüge und Teller finden sich als Requisiten bei Filmproduktionen, ihre Weihwasserbecken in Dom-Kirchen und sogar manches Stück im Vatikan. Auch für einen Glaskrug von Papst Benedikt fertigte Eisenhart einst einen Deckel.

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