Die Wahrheit über rezeptfreie Mittel

von Redaktion

Ist es risikolos, auf das günstige Produkt aus der Drogerie auszuweichen? Ein Experte erklärt, wann Sie in die Apotheke müssen, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. © Smarterpix

München – Im Experten-Check erklärt Fabian Ludwig, Apotheker in der Marien-Apotheke in Krailling, wann Produkte aus der Drogerie helfen, wann sie schaden können und auf was Sie achten müssen. Seine Erfahrung: „Viele Menschen unterschätzen, wie stark Dosierung, Einnahmezeitpunkt oder Vorerkrankungen die Wirkung beeinflussen können.“ Bei vielen beliebten Produkten könne fehlende Beratung schnell zum Problem werden.

■ Schnupfenspray hat Suchtpotenzial

Kaum ein Produkt birgt so viel Suchtpotenzial wie abschwellendes Nasenspray. Meerwassersprays sind dagegen unproblematisch und auch aus der Drogerie sinnvoll. Anders sieht es bei Sprays mit Wirkstoffen wie Xylometazolin oder Oxymetazolin aus. „Viele wissen nicht, dass man Nasensprays nur maximal sieben Tage anwenden darf“, sagt Ludwig. Wer länger sprüht, riskiert einen Gewöhnungseffekt bis hin zur Abhängigkeit. In der Apotheke gibt es Tipps zum Ausschleichen – beispielsweise zunächst nur ein Nasenloch zu behandeln oder kurzfristig auf schwächer dosierte Kindersprays umzusteigen. „Wir sehen an der Theke häufig Menschen, die wirklich Hilfe suchen“, berichtet Ludwig. „In der Drogerie fehlt dafür schlicht das fachlich ausgebildete Personal.“

■ Hustenstiller: Ohne Beratung schwierig

Husten ist nicht gleich Husten – und Hustensaft ist nicht gleich Hustensaft. Trocken, reizend oder verschleimt: Die Unterscheidung ist entscheidend für die richtige Behandlung. „Die Selbstmedikation ist hier besonders schwierig“, sagt Ludwig. „Doch genau diese Einordnung ist enorm wichtig – und die kann die Drogerie nicht leisten.“

„Schleimlöser wie Acetylcystein oder Ambroxol gehören tagsüber eingenommen, da man sich danach nicht hinlegen sollte. Sonst besteht die Gefahr, dass der Schleim in die Lunge zurückfließt und sich dort sammelt“, erklärt Ludwig. Hustenstiller hingegen sind für die Nacht gedacht. „Das ist ohne Gespräch oft nur schwer zu vermitteln.“

„Die Devise lautet: tagsüber lösen, nachts stillen“, berichtet der Apotheker. Ohne Beratung wird dieser wichtige Unterschied häufig nicht beachtet. Bei starken Beschwerden kommen apothekenpflichtige oder sogar verschreibungspflichtige Mittel wie Codein infrage – inklusive Hinweisen zu Fahrtüchtigkeit und Wechselwirkungen. „Und ganz wichtig ist auch, viel zu trinken.“

■ Phytopharmaka: Nicht alles Pflanzliche wirkt

„Pflanzlich“ bedeutet nicht automatisch wirksam. Deshalb lohnt sich ein genauer Blick: Viele Erkältungskapseln aus der Drogerie enthalten Mischungen ätherischer Öle wie Eukalyptusöl, Menthol, Kampfer oder Thymian, deren Wirkung nur teilweise belegt ist. Apothekenprodukte wie Soledum oder Umckaloabo arbeiten hingegen mit Reinsubstanzen wie Cineol oder mit standardisierten Extrakten aus der Kapland-Pelargonie, deren Wirksamkeit in Studien nachgewiesen ist.

Der Wirkstoff kann exakt dosiert werden – im Gegensatz zu Gemischen ätherischer Öle. „Hier gewinnt das Apothekenprodukt klar in Sachen Reinheit, Dosiergenauigkeit und nachgewiesener Wirkung.“

■ Inhalieren und Öle: Vorsicht bei Kindern

Beim Inhalieren sollte die Lösung immer steril sein – vor allem bei Geräten wie dem Pari-Boy. Selbst angerührte Salzlösungen können die Membranen des Inhalators beschädigen. In der Apotheke weiß man, welche Produkte für die Geräte geeignet sind.

Auch Erkältungstropfen oder -salben wie Wick Vaporub können in heißem Wasser aufgelöst und inhaliert werden. Allerdings ist bei Produkten mit ätherischen Ölen Vorsicht geboten: „Minzöl oder Kampfer können bei Babys und Kleinkindern den sogenannten Kretschmer-Effekt auslösen – einen Atemreflex, der im schlimmsten Fall zu Atemstillstand führen kann“, warnt Ludwig. „Deshalb rate ich bei Kindern unter zwei Jahren zu Kiefernadel- oder sanften Mischungen.“

■ Wärmesalben: Können die Haut stark reizen

Auch bei Wärmesalben aus der Drogerie sollte man unbedingt auf die Inhaltsstoffe achten. Capsaicin aus Chili reizt die Haut stark und darf nicht im Gesicht, auf Schleimhäuten oder empfindlichen Hautstellen angewendet werden. „Besser immer erst an einer kleinen Stelle testen.“ Alternativ bieten sich Wärmepflaster wie Thermacare an, die durch eine chemische Reaktion Wärme erzeugen – ohne Hautreizung und Verbrennungsgefahr, aber dennoch warm genug, um Muskeln zu entspannen oder Schmerzen zu lindern.

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