Ein Freund, ein guter Freund: Orbán bei Dobrindt 2018 © dpa
München – Es sind Szenen, an die sich die CSU nicht so gern erinnern lässt. Januar 2018 im Innenhof des Klosters Seeon, Viktor Orbán steht mit durchgedrücktem Rücken vor den Kameras. „Es ist mir eine Ehre“, sagt der ungarische Regierungschef, er habe „in Bayern nie Böswilligkeit empfunden“. Alexander Dobrindt, Landesgruppenchef, frohlockt, es werde, „viele weitere Treffen“ mit Duzfreund Viktor geben. Und Horst Seehofer, CSU-Vorsitzender, reicht dem Gast der Winter-Klausurtagung einen Blankoscheck aus: Orbán stehe „zweifelsfrei auf rechtstaatlichem Boden“.
Man kann das milde einen Irrtum nennen; Höhe- und Schlusspunkt einer langen Orbán-Nähe. Die CSU hat da manches aufzuarbeiten. Schon Ende 2017 warnten mehrere Christsoziale, die Einladung sei „ein unglückliches Signal“. Der Ungar sei „kein verlässlicher Partner“, sagte etwa der Bundestagsabgeordnete Wolfgang Stefinger. Die Radikalisierung des Gastes sah auch der Europapolitiker Manfred Weber früher kommen. Und reagierte. 2019 leitete Weber den Rauswurf der Fidesz-Partei aus der EVP-Parteienfamilie ein. Fußnote: Damals warnte Dobrindt, das schaukle eine Eskalation „unnötig auf“, er forderte von Weber mehr „Sensibilität“. Im März 2021 setzte sich Webers Kurs durch – Orbán kam per Austritt einem Rauswurf aus der bürgerlich-konservativen Fraktion zuvor und dockte bei den Rechtsradikalen an. Dann gab auch Dobrindt seinen Widerstand auf.
Es folgten Jahre ohne EVP-Freunde in Budapest. Einzelne Konservative, auch bei den Stiftungen, trauerten Orbán nach. Weber orientierte sich 2024 neu – er setzte voll auf Neueinsteiger Péter Magyar, einen Ex-Fidesz-Mann, und dessen neue Partei Tisza. Weber vermittelte schon vor der Europawahl Gespräche, öffnete Türen, nahm schließlich die neue Partei in seine EVP auf. Auch hier: skeptisch beäugt aus Teilen der CSU, deren höchste Repräsentanten für Magyar noch nicht mal bei der Münchner Siko Gesprächstermine fanden. Weber behielt auch hier Recht; man erkennt da Parallelen zu seinem Umgang mit der rechtskonservativen Italienerin Giorgia Meloni.
„Wir hatten den richtigen Riecher und wir hatten Mut, neue Wege zu gehen“, sagt Weber heute. Er habe Magyar gegen Orbán unterstützt, „als noch nicht allen klar war, wie sich das entwickeln wird“. Am Sonntag habe nun „nicht nur Magyar gewonnen, sondern die EVP. Dieser Wahltag ist auch die Bestätigung meines strategischen Weges in Europa.“CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER