Milán, Judit und János Fóroizs reisten für die Wahl sogar aus Bregenz an.
Zsuzsanna Kufner-Nemes aus Eching ist besorgt.
Naurasz A. und Ferenc O. aus München. © Bodmer (3)
München – Kennzeichen aus ganz Bayern sind am Sonntag vor dem Leonardo Hotel in Neuperlach zu sehen. Sie alle sind Ungarn und kommen, um ihre Stimme abzugeben. München und Nürnberg sind die einzigen Orte in Bayern, an denen sie in der Kabine wählen können. Seit Wochen verfolgen sie gespannt den Wahlkampf zwischen Viktor Orbán und Péter Magyar.
Unter ihnen ist Zsuzsanna Kufner-Nemes (39). Sie wohnt seit 14 Jahren in Eching, ihre Familie lebt in Ungarn. „Ich mache mir in letzter Zeit wegen der angespannten Situation Sorgen“, sagt sie. „Ich empfinde Wut – so kann es nicht weitergehen.“ Sie hat Bedenken, dass Ungarn bald zu Russland gehören könnte. Ihr Land sollte sich wieder mehr der EU zuwenden, findet Kufner-Nemes. Deswegen war es ihr wichtig, ihr Kreuz zu setzen.
So wie Kufner-Nemes geht es vielen. Den Wählenden sind die unterschiedlichen Emotionen anzusehen. Während die einen entschlossen wirken, sind andere verunsichert, teils sogar ängstlich. Die wenigsten möchten gegenüber Reportern offen ihre Meinung aussprechen. Das Misstrauen vor einer Wiederwahl Orbáns ist zu groß. Auch Naurasz A. (32) und Ferenc O. (58) zögern. Ihre Nachnamen wollen sie nicht nennen. Die beiden beschäftigt der Bruch unter ihren Landsleuten. „Familien spalten sich. Es herrscht teilweise viel Hass“, erzählen sie. Es gebe nur die eine oder die andere Seite. Die letzten Wochen haben beide als sehr unsicher empfunden. „Wir wissen nicht, wie es in der Zukunft weitergeht.“ Auch sie hoffen auf eine Wendung in Richtung Europa. Sie befürchten aber Unruhen nach der Wahl. Am Abend wollten sich die beiden mit anderen Ungarn treffen und die Wahl verfolgen. Sie sind glücklich in München. „Hier sind alle freundlich und lachen, das ist in Ungarn ganz anders.“ Sie hoffen, dass eine ähnliche Stimmung dort zurückkehrt.
Tausende Menschen gehen in das Hotel, um ihre Stimme abzugeben. Sie kommen aus Ingolstadt, Lindau oder Passau. Die Ungarn können nur in fünf Städten in ganz Deutschland wählen. Dazu zählen Berlin, Düsseldorf, Stuttgart, Nürnberg und München. Milán (57), Judit (57) und János Fóroizs (20) sind sogar aus Bregenz angereist. „Wir hätten sonst nach Innsbruck fahren müssen, und das wäre genauso weit weg gewesen“, sagt die Familie. „Wir waren die letzte Zeit sehr motiviert, weil es nach langer Zeit wieder mehr Hoffnung gibt.“ Bei den letzten Wahlen sei der Ausgang vorhersehbar gewesen. „Wir werden heute auf jeden Fall weinen – aus gutem oder schlechtem Grund.“
Die Familie Fóroizs wundert sich oft, wie die Menschen in Deutschland und Österreich die Lage in Ungarn einschätzen. „Viele meinen, den Ungarn geht es gut, aber es ist in Wirklichkeit ganz anders.“ Jetzt hoffen sie, dass das ungarische Volk mit einem neuen Staatschef wieder zusammenrückt.MARIE-THERES WANDINGER