Wie sieht Ungarns Zukunft aus?

von Redaktion

Ex-Botschafter Heinrich Kreft erklärt, was von Orbán-Bezwinger Péter Magyar zu erwarten ist

Historische Fotos: Peter Magyar schwenkt in der Wahlnacht eine Nationalflagge vor dem Parlament. Viktor Orbán hat klar verloren. © dpa/afp

Nach 16 Jahren Orbán-Macht kann Ungarns Oppositionsführer Péter Magyar (45) mit einer Zweidrittelmehrheit regieren. Euphorie in Budapest, frische Hoffnung für Europa – die Erwartungen an den Neuen sind riesig. Prof. Heinrich Kreft, Ex-Botschafter und Ex-Mitarbeiter im Auswärtigen Amt, leitete von 2020 bis 2024 den Lehrstuhl für Diplomatie der Andrássy Universität Budapest. Wir sprachen mit ihm über den Regimewechsel in Ungarn.

Bis zu 90 Prozent der ungarischen Medien befinden sich unter Orbáns Kontrolle. Wie hat Péter Magyar trotzdem gewonnen?

Das sind die klassischen Medien, die in Händen von Orbán-nahen Besitzern sind. Magyar und seine Tisza-Partei haben vor allem auf Soziale Medien gesetzt. Zudem hat Magyar um die Bevölkerung auf dem Land gekämpft, hat über 400 Städte und Gemeinden besucht – und damit die Strategie übernommen, mit der Orbán früher erfolgreich war.

Die Justiz, die Behörden, die Medien – alle wichtigen Institutionen sind mit Orbán-Leuten besetzt. Wie schwierig wird es da für Magyar umzusteuern?

Tatsächlich kann man das mit der Situation 1989 vergleichen, als das kommunistische Regime abgestreift wurde. Da konnten auch nicht von jetzt auf gleich alle Beamten ersetzt werden. Das wird für Magyar eine Hürde sein, die auch von Berlin und Brüssel beachtet werden muss. Jetzt zu erwarten, dass schnell alles anders wird, das wäre überzogen.

Ungarn war in der Sowjetzeit ein Hort des Widerstands gegen Moskau. Wie kommt es, dass ein Putin-Fan wie Orbán so lange erfolgreich war?

Es ist weniger ein prorussischer als ein antiukrainischer Kurs gewesen. Letztlich sind Russen wie Ukrainer bei vielen Ungarn gleichermaßen unbeliebt. Diese Skepsis rührt noch von der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg her, als Ungarn über die Hälfte seines Territoriums und der Bevölkerung an die Nachbarstaaten einschließlich der sowjetischen Ukraine verlor. Heute leben noch bis zu 200.000 ethnische Ungarn in der Ukraine. Diese werden dort – wie die russische Minderheit – vonseiten des Staates diskriminiert. Eine Politik, die schon von Selenskijs Vorgängern verfolgt wurde. In der Vergangenheit hatten die ukrainischen Ungarn eigene Schulen und eine Hochschule in ungarischer Sprache. Für viele in Ungarn ist der russische Angriff ein Krieg zwischen zwei slawischen Staaten, ein Bruderkrieg, von dem sie sagen: Das geht uns nichts an.

Wie wird sich Péter Magyar in der EU verhalten? Wie gegenüber der Ukraine?

Da die Ukrainer auch bei der Tisza-Wählerschaft nicht sonderlich beliebt sind, ist die Partei da gespalten. Ich gehe davon aus, dass zumindest das Veto gegen den 90-Milliarden-Kredit für Kiew zurückgenommen wird. Aber Ungarn wird jetzt sicher nicht zur Speerspitze derjenigen, die einen schnellen Beitritt der Ukraine zur EU betreiben.

Ungarn ist stark von russischer Energie abhängig. Bleibt Magyar erpressbar durch Putin?

Es gibt natürlich auch Alternativen, über Kroatien und über den Balkan aus der Türkei. Aber das Öl von dort ist deutlich teurer. Ungarn hatte dank des russischen Öls die mit Abstand günstigsten Spritpreise, 1,50 € pro Liter.

Hat die Niederlage Orbáns Signalwirkung auch für Rechtspopulisten wie Marine Le Pen oder die AfD?

Wenn Orbán gewonnen hätte, wäre das von Le Pen und der AfD genutzt worden. Ob es ihnen jetzt schadet, muss man abwarten. Interessanterweise hat es ja Glückwünsche an Magyar von Giorgia Meloni gegeben. Aber Meloni ist ja auch nicht der von Orbán mitgegründeten EU-Fraktion der „Patrioten für Europa“ beigetreten. Magyar will seine ersten Reisen nach Warschau, Wien und nach Brüssel machen. Donald Tusks Sieg in Polen, der Kaczynskis PiS-Partei abgelöst hat, ist für ihn Ansporn gewesen. In Wien haben wir eine ÖVP-geführte Regierung, die auch Mitglied der Europäischen Volkspartei ist, wie die Tisza-Partei. Und Brüssel ist natürlich das Zeichen, dass Ungarn unter Péter Magyar seine Vetopolitik aufgeben wird. Natürlich knüpft sich daran die Hoffnung, dass die 16 Milliarden Euro, die in Brüssel eingefroren sind, zügig locker gemacht werden. Magyar braucht das Geld dringend: Die Staatskassen sind leer, weil es der Wirtschaft schlecht geht.

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