Dieses Schild steht als Botschaft im Wartezimmer.
Höchstens in der Hocke: In dieser Haltung bleibe eine natürliche Spannung im Körper, erklärt Martin Oswald.
Wartezimmer ohne Stühle: Der gelbe Stuhl ist mit Stacheldraht umwickelt. Er dient als Botschaft, nicht zum Sitzen.
Wenn sitzend, dann auf dem Boden: Schreibarbeiten erledigt Martin Oswald mit ausgestreckten Beinen. © Marcus Schlaf (4)
Augsburg – Das Vorbild steht kerzengerade da, die schlanken Waden lässig verschränkt. Martin Oswald blickt bewundernd auf das große Poster im Sprechzimmer seiner Praxis. Es zeigt einen jungen Äthiopier, Oswald hat ihn selbst fotografiert. Sein Bild ist eine stumme Erinnerung daran, wie gerade der menschliche Körper sein kann, wenn er nicht ständig zum Sitzen gezwungen wird. Eigentlich bräuchte Oswald ja gar keine Erinnerung. Das Nicht-Sitzen ist sein Lebensthema. Es muss schon viel zusammenkommen, dass er auf einem Stuhl Platz nimmt. In den vergangenen 25 Jahren ist das nur äußerst selten passiert.
Sitzen sei schädlicher als Alkohol und Zigaretten, sagt er. Stühle würden die Haltungsfunktion des Körpers außer Kraft setzen. Die Menschen werden dadurch krummer und kränker. Diese Erkenntnis verdankt Oswald auch seinen Patienten. Er ist Spezialist für Venen und Thrombosen. In seine Praxis in Augsburg kamen die Menschen mit unterschiedlichen Beschwerden. Immer häufiger fragte er sich nach den Ursachen dafür. Übergewicht, Bewegungsmangel, Zigaretten, schlechte Ernährung – all das reichte ihm nicht als Erklärung. Seine Recherche führte ihn in Regionen der Welt, in denen niemand unter Krampfadern, Bandscheibenvorfällen, Arthrose oder Verstopfung leidet. Diese Länder hatten eines gemeinsam: Dort saßen die Menschen nicht auf Stühlen. „Es war wie ein Puzzle, das sich langsam zusammenfügt“, erzählt er.
Martin Oswald ist fast 74 – aber er sieht deutlich jünger aus. Braungebrannt, sportlich, nur ein paar feine Lachfalten um die Augen, keine Wehwehchen. Er arbeitet noch in Vollzeit und kann nahezu bewegungslos stundenlang stehen. So leicht fiel ihm das nicht von Anfang an, sagt er. Eine seiner ersten Übungen war eine Vorstellung im Stadttheater, er stand hinter den Sitzreihen. Fühlte sich gut an. „Ich wurde süchtig, nach diesem natürlichen Wohlempfinden.“ Nach und nach verbannte er alle Stühle aus seinem Leben. Erst ersetzte er den Ledersessel in seinem Praxiszimmer durch eine Klavierbank, später flog auch die wieder raus. „Ich habe ein Jahr experimentiert“, erzählt er. Danach saß er höchstens noch auf Reisstroh-Matten auf dem Boden. Sowohl in der Praxis, als auch zu Hause. Seine Frau und seine beiden Kinder im Teenager-Alter sind nicht ganz so konsequent wie er. Sie sitzen beim Essen wieder auf einer Eckbank, Martin Oswald kniet daneben auf dem Boden.
Wenn er sitzt, dann immer kerzengerade mit ausgestreckten Beinen. Oder im Schneidersitz – das ist seine Lösung für Restaurants. Neulich ist er mit seiner Frau ins Kino gegangen und hat sich gefreut, dass es dort eine Sofabank gab. So konnte er auch den Film im Schneidersitz mit geradem Rücken verfolgen. Wenn er mit seinem Auto fährt, legt er ein Holzbrett auf den Fahrersitz. Je härter er sitzt, desto weniger hat der Körper die Chance, eine, wie er sagt, unnatürliche Entspannung einzunehmen. Auch in der Hocke oder am Boden bleibe der Körper in einer Spannung, erklärt er. Fast erwartbar also, dass Oswald auch nicht im Bett schläft – sondern auf dem blanken Boden daneben.
Seine Patienten wissen, was sie in der Praxis erwartet. Im Wartezimmer wird – natürlich – gestanden. Es gibt nur einen Stuhl für Notfälle. Dafür aber einige Schilder und Plakate, die darüber aufklären, wie schädlich das Sitzen für den Körper ist. Auf Ärztekongressen hält Oswald seit 20 Jahren Vorträge über sein Leben ohne Stühle. Seine Haltung sei akzeptiert und geschätzt, sagt er. Meist gebe es viele Fragen. Martin Oswald will niemanden belehren, betont er. Aufklären aber gern. Seine Botschaft ist: Jeder Mensch kann es schaffen und dieses echte Wohlsein und Gesundheit erleben.
Er glaubt fest daran, dass sich Dinge natürlich fügen, wenn man es zulässt. Das ist auch der Grund dafür, warum er immer, wirklich immer, barfuß läuft. Früher hatte er ständig kalte Füße, erzählt er. Einschlafen ohne Wärmflasche? Undenkbar! Wieder half eine Forschungsreise. In Myanmar beobachtete er, dass die Männer alle Röcke trugen. Und keine Schuhe. Er probierte das aus. Und merkte sofort, dass sich durch das Barfußlaufen die Durchblutung veränderte. Die Muskulatur hatte mehr zu tun. Also verschwanden auch die Schuhe aus seinem Leben.
Selbst im Winter läuft Oswald immer barfuß. „Wenn ich etwas erkannt habe, versuche ich auch, es konsequent umzusetzen.“ An die irritierten Blicke hat er sich längst gewöhnt. Auch daran, dass Menschen ihm oft sagen, es friert sie, wenn sie seine nackten Füße auf dem kalten Asphalt sehen. Er genießt es, wenn er Neugierde wecken kann. Hin und wieder muss er natürlich auch diskutieren. Zum Beispiel, als er barfuß auf die Akropolis wollte. Die Sicherheitskräfte ließen ihn nicht durch. Also borgte er sich in seinem Hotel Schlappen aus. Als er seinen zweiten Versuch startete, regnete es. Er wäre auf den glatten Steinen fast ausgerutscht. Oswald blieb gelassen, die Sicherheitsleute nicht. „Ziehen Sie besser die Schuhe aus“, riet ihm einer. Oswald ging barfuß weiter. Und lächelnd. Man muss der Fügung eben nur ihren Lauf lassen.
Ganz an seinem Ziel angekommen ist er noch nicht. „Ich war 16 Jahre Raucher, habe als Student regelmäßig getrunken“, erzählt er. Leber und Lunge haben sich davon längst erholt. „Ich dachte, mit dem Stuhl wird es auch so leicht.“ Aber die 48 Jahre Sitzen waren tief in seinem Körper drin. Es wird noch etwas dauern, bis er seinem äthiopischen Vorbild an der Wand ähnelt. Wahrscheinlich sind 48 Jahre ohne Stühle nötig, glaubt er. „Mit 96 müsste ich also wieder gerade sein.“