München – 613 Minuten, mehr als zehn Stunden – so viel sitzt der Deutsche durchschnittlich jeden Tag. Das ergab vergangenes Jahr eine Studie der Deutschen Krankenversicherung (DKV). Ist das zu viel? „Ja, auf jeden Fall“, sagt Dr. Reinhard Schneiderhan. Der Orthopäde aus Taufkirchen bei München weiß, wie sich das viele Sitzen auf den Körper und vor allem auf die Wirbelsäule auswirkt, die der größte Teil des menschlichen Bewegungsapparates ist.
„Während des Sitzens wird die Muskulatur nicht trainiert“, erklärt Schneiderhan. Und ohne adäquates Training habe man keine ausreichende muskuläre Stabilität für Rücken und Rumpf, um die Wirbelsäule zu schützen. Zudem belaste das lange Sitzen die Bandscheiben über die Maßen – was zu frühzeitigem Verschleiß führe. „In ausgeprägten Fällen kann daraus ein Bandscheibenvorfall werden“, sagt der Wirbelsäulenspezialist.
Wer oft einseitig sitzt, etwa mit übergeschlagenen Beinen, belastet Scheiderhan zufolge auch die Wirbelgelenke vermehrt, die dadurch ebenfalls schneller verschleißen. „Das kann zu lokalen oder bewegungsabhängigen Rückenschmerzen führen“, erklärt der Orthopäde.
Langes Sitzen wirkt sich aber auch auf den Rest des Körpers aus. Das betonte der Sportwissenschaftler Dr. Ingo Froböse im Gespräch mit der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK). „Das Sitzen schadet massiv unserem Organismus“, erklärt er. Und schlimmer: Es könne sogar die Lebenserwartung verkürzen. Durch das Sitzen werde Muskelmasse abgebaut, die Kraft leide. „Da die Muskulatur unser größtes Stoffwechselorgan ist und die Gesundheit vieler anderer Organe beeinflusst, verlieren wird durch das Sitzen letztendlich deutlich an Lebensjahren“, erläutert Froböse.
Eine Meta-Studie aus dem Jahr 2024 untersuchte, wie sich langes Sitzen auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen auswirkt. Die Forscher schätzen, dass sich das Risiko dafür um etwa 30 Prozent erhöht. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, zu denen Herzinfarkte und Schlaganfälle zählen, sind mit rund einem Drittel die führende Todesursache in Deutschland – noch vor Krebs.
Wer viel sitzt, zum Beispiel in der Arbeit, kann trotzdem gegensteuern. „Es ist enorm wichtig, die Körperhaltung immer wieder zu variieren“, sagt Reinhard Schneiderhan. Vom Schreibtischstuhl aufstehen, umhergehen, nicht den Aufzug, sondern die Treppe nehmen. Kleinigkeiten mit großem Effekt.
Dass viele Büros inzwischen mit höhenverstellbaren Schreibtischen ausgestattet sind, ist hilfreich. „Im Stehen zu arbeiten, aktiviert die kleinen, schrägen und tiefen Muskeln an der Wirbelsäule“, so Schneiderhan. Nicht zu unterschätzen sei der Bürostuhl. Der sollte höhenverstellbar sein und eine Rückenlehne haben, die die normale Stellung der Wirbelsäule unterstützt – und Armlehnen, um die Halswirbelsäule zu entlasten.
„Am besten hilft aber gezieltes Rückentraining“, betont der Orthopäde. Jeden Tag ins Fitnessstudio zu gehen, sei aber nicht nötig. Man könne auch zu Hause auf der Yogamatte Übungen machen. Auch, sich gut zu dehnen, unterstütze den Rücken. „Da gibt es ganz tolle Übungen, die auch fürs Büro geeignet sind“, sagt Schneiderhan. Sie können Verspannungen vorbeugen, die Durchblutung fördern und einseitige Belastungen vermeiden.
Schneiderhans Tipp: die „Apfelernte“. Dabei stellt man die Beine im Stand hüftbreit auf den Boden und geht ein wenig in die Knie. „Und dann einfach abwechselnd mit den Armen nach oben greifen – als ob man Äpfel von einem Baum erntet.“MAGDALENA ABERLE