Die Welt konkurriert um Kraftstoffe

von Redaktion

Weit jenseits der zwei Euro: Der Blick auf die Benzinpreise war zuletzt wenig erfreulich. © Marijan Murat/dpa

Das entscheidende Nadelöhr: Die Straße von Hormus ist jetzt vorübergehend wieder offen. © Kamran Jebreili/dpa

Am Münchner Flughafen wird ein Airbus A320-200 der Lufthansa betankt. Die Grafik links zeigt die Entwicklung des Kerosin-Preises zum Schlusskurs von Donnerstagabend. © imago

München – Sprit ist knapp auf der Welt. Die Internationale Energieagentur (IEA) spricht sogar von der schlimmsten Kraftstoff-Knappheit aller Zeiten. Doch wie sieht es wirklich aus?

Was ist das Problem?

Seit dem 28. Februar führen die USA und Israel Krieg gegen den Iran. Die Islamische Republik liegt am Persischen Golf, einer Region, aus der rund 20 Prozent der weltweiten Ölversorgung stammen. Der Iran blockierte seitdem quasi jede Lieferung von Rohöl und Kraftstoff durch die Meerenge von Hormus. Wie viel Entspannung die Öffnung jetzt bringt, bleibt abzuwarten. Denn noch gilt sie nur für die Zeit der Waffenruhe.

Ist Kraftstoff knapp?

Ja. Besonders dramatisch ist die Lage in Asien, wo traditionell in Nahost gekauft wurde. Hier trifft es die weniger kaufkräftigen Länder stark: In Myanmar wurden etwa Fahrverbote verhängt, in Pakistan ist der Nahverkehr jetzt kostenlos. Die Welt konkurriert mit hohen Kraftstoffpreisen um die verbleibenden Mengen: Der Preis für Kerosin war in Europa bis Donnerstag um 139 Prozent gestiegen, zeigen Daten des Preisinformationsdienstes Argus Media. Beim Diesel-Vorprodukt Gasöl sind es 64 Prozent. Weltweit leeren sich die Lager, die Lieferketten sind gestört.

Wird Kerosin in Deutschland knapp?

Nicht solange die Passagiere hohe Ticket-Preise bezahlen. Laut IEA stammt rund ein Viertel des in Europa verbrauchten Kerosins aus Nahost. Vergangene Woche legten die letzten regulären Frachter aus Nahost an, erklärt Benedict George von Argus Media: „Aus den USA wird zwar zusätzliches Flugbenzin nach Europa geliefert, doch deckt dies weniger als die Hälfte des fehlenden Flugbenzins aus dem Nahen Osten ab“.

Diese Lieferungen kommen wegen der hohen Kerosinpreise nach Europa. Auf Passagiere wirken diese abschreckend: „Die Kerosinknappheit dürfte sich in Form von Flugplankürzungen bei den Fluggesellschaften bemerkbar machen“, so George. „Sofern die Straße von Hormus nicht wieder geöffnet wird, könnten diese Kürzungen bereits im Mai angekündigt werden.“ Hier muss man unterscheiden: „Flugbenzin wird nirgendwo wirklich knapp werden, schon gar nicht in Ländern wie Spanien und Griechenland, die mehr produzieren, als sie selbst benötigen“, erläutert George. „Es wird lediglich sehr teuer werden, da inländische Abnehmer mit internationalen Abnehmern um sehr hohe Preise konkurrieren müssen.“

Aus diesem Grund haben Airlines wie Air France und SAS bereits unrentable Flüge aus dem Programm genommen. Das dürfte den Stress reduzieren. Die IEA hat berechnet: Sollte Europa seinen Kerosin-Verbrauch nicht drosseln und gleichzeitig mehr als 25 Prozent seiner Importe verlieren, werden spätestens zum Jahresende zivile Flüge ausfallen müssen. Argus-Analyst Benedict George schätzt, dass die physischen Reserven in Deutschland ganz ohne Importe aus Nahost für sieben Monate reichen dürften, gleiches gilt für Italien. Sollte Treibstoff in anderen Ländern knapper – und die Preise höher – sein, würde aber ein Teil davon exportiert. In der Realität könnten die Vorräte also weniger lang halten.

Wird Kraftstoff teurer?

Einige europäische Länder haben deutlich geringere Vorräte. Sollten diese zur Neige gehen und gleichzeitig die Sommer-Nachfrage anziehen, dürften die Kerosin-Preise in den kommenden Monaten noch einmal drastisch steigen, warnt Argus-Analyst George, selbst wenn es in Deutschland genug Treibstoff gibt. Beim Diesel sind die Vorräte deutlich größer – und die Nachfrage ist laut Argus bereits gesunken. Doch auch Diesel ist ein knappes Importgut. Hier ist die Lage im Moment auch deswegen weniger dramatisch, weil das nah verwandte Heizöl gerade weniger gekauft wird. Bei Benzin dagegen sei Deutschland Netto-Exporteur, beruhigt Benedict George. Ein Risiko sei nur, dass die Raffinerien nicht genug Rohöl bekommen könnten.

Was bedeutet das für Fluggäste?

Der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft ließ auf Anfrage wissen, dass seine Mitglieder ihren Kerosinbedarf für 2026 zu rund 80 Prozent abgesichert haben – je früher im Jahr, desto mehr. Lufthansa, Austrian, Swiss, Eurowings, Dolomiti, Condor und Tui haben demnach das Recht, den Großteil ihres Treibstoffs zu Vorkriegs-Preisen abzunehmen. Die Mineralölwirtschaft war bereits Freitagmittag zuversichtlich, diese Verträge erfüllen zu können: „Aktuell und absehbar haben wir in Deutschland keine Engpässe bei Flugkraftstoff“, so der Verband En2x. Allerdings: Man müsse die Lage laufend neu bewerten. Weitere Airlines waren für eine Einschätzung gestern nicht zu erreichen.

Wie wahrscheinlich ist ein Kraftstoff-Mangel?

Die IEA rechnete schon vor Freitagmittag mit einer Wiederaufnahme der Lieferungen ab Mai und auch an den Märkten wurde auf Frieden gewettet: Laut Commerzbank kosteten Rohöl-Lieferungen diese Woche bis zu 150 Euro pro Barrel. Für Juni wurde das gleiche Fass für 96 Euro angeboten. Die Raffinerien konnten also ihren laufenden Bedarf zu Kampfpreisen decken, weil die Verkaufserlöse für Kerosin und Diesel hoch genug sind. Weil sie auf Frieden hoffen, wollen sie aber keine teuren Wetten auf die Zukunft abschließen.

Sollte die Straße von Hormus offenbleiben, muss sich zeigen, wie schnell die Produktion wieder anlaufen kann. Denn rund 80 ölverarbeitende Anlagen gelten als beschädigt. Und Schiffe brauchen laut Argus vier bis sechs Wochen, um Europa zu erreichen.

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